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KONZERT DER LEICHTIGKEIT
Eingestellt am: 22.06.2014

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Meine Begegnungen mit St. Gertrud, berichtet von Kirchenmusiker Günther Pods!


 

 Meine Begegnungen mit St. Gertrud

von Günther Pods

 

Ende April 1945. Der große Krieg war verloren, aber er war noch nicht beendet. Aus Furcht vor dem Tod, vor Vergewaltigung und Verschleppung flohen immer noch Hunderttausende deutscher Menschen vor den russischen Truppen in den Westen. Im April dieses Jahres wurden wir - auch die Soldaten der Luftwaffe – zur Verteidigung Berlins eingesetzt. Dabei hatte es mich kalt erwischt: An meinem 25. Geburtstag, morgens früh um Sechs, wurde ich durch einen Granatsplitter verwundet und von zwei Kameraden ins Feldlazarett geschleppt. Erst später wurde mir klar, dass der Krieg, jedenfalls für mich, beendet war. Ob ich an Schutzengel glaube, wurde ich später gefragt. Aber sicher, daran glaube ich fest, und es gibt weitere Beispiele für die Existenz und Hilfe himmlischer Wesen. Oder mögen Sie lieber: „Wieder ‘mal Schwein gehabt“?    

Das große Lazarett in Travemünde war im Kurhaus sowie im Kursaal untergebracht. Geschäftiges Treiben herrschte überall, dazu eine geradezu friedensmäßige Atmosphäre. Eine ehrenamtliche Schwester schickte mich mit einem blinden Kameraden in den Jugendkreis zu Pastor Jensen, der an der St. Lorenzkirche amtierte. Er nahm mich mit zu den Andachten im Lazarett, und wo immer ein Klavier aufzutreiben war, musste ich die Lieder begleiten, die von den Soldaten gesungen wurden. Niemand hätte es damals für möglich gehalten, dass wir uns drei Jahre später an  St. Gertrud  wieder begegnen würden.

Luise L a h r s, die Organistin von St. Lorenz, wohnte in Bad Schwartau. Die öffentlichen Ver- kehrsmittel hatten ihren Betrieb eingestellt, ihr Fahrrad war kaputt. Also fiel mir am 13. Mai die Aufgabe zu, beim Sieges-Gottesdienst der britischen Truppen die Orgel zu spielen, einschließlich der Nationalhymne „God save our gracious king“. König Georg VI. lebte damals noch. Bei diesem Gottesdienst fiel mir auf, dass die Briten alle Choräle stehend sangen, bei den Lesungen jedoch sitzen blieben. Es war für mich eine unvergessliche Veranstaltung. Übrigens auch von Vorteil: Der Reverend, der den Gottesdienst leitete, sorgte dafür, dass ich meine Entlassungspapiere vorzeitig erhielt. - Wir waren ja noch Gefangene der Briten.

Als Luise Lahrs wieder kam, spannte sie mich sofort in ihre Arbeit ein, indem sie feststellte, ich könne auch solo singen. Durch sie lernte ich Thea S c h m i d t  kennen, eine engagierte Kollegin, die mich nicht nur in ihren „Musikkreis am Heiligen-Geist-Hospital“ einreihte, sondern mich auch nach Kücknitz vermittelte, wo eine Organistenstelle frei war. Ich meldete mich bei Pastor H ü t z e n von dem ich erst später erfuhr, dass er vorher in  S t . G e r t r u d  tätig gewesen war. Er schickte mich zu Rektor M a a ß, der früher an St. Johannis die Orgel gespielt hatte. Dort musste ich einige Choräle vom Blatt spielen, harmonisieren (Begleitstimmen frei erfinden), transponieren (ein Lied höher oder tiefer spielen), Intonationen improvisieren (Vorspiele aus dem Ärmel schütteln) und modulieren (in eine andere Tonart überleiten). Das alles war mir vertraut und hatte keine halbe Stunde gedauert. Er schien zufrieden zu sein. Als ich ihn darauf hinwies, dass ich kein Virtuose sei – ich hatte fünfeinhalb Jahre keine Taste angerührt -  winkte er ab: „Ach Quatsch! Was Sie gerade gezeigt haben, ist genau das, was wir hier brauchen. Die schweren Fugen will doch kein Mensch hören!“ Am Bußtag im November 1945 spielte ich meinen ersten Gottesdienst in der Kücknitzer  St. Johannis-Kirche. Im neuen Jahr bekam ich meinen Vertrag: Ich erhielt monatlich 160 Reichsmark, die Amtshandlungen (Trauungen, Trauerfeiern) wurden extra vergütet. Das war nicht zum Totlachen, aber es reichte zum Leben für meine beiden jüngeren Brüder, die ich zu versorgen hatte, und für mich.

Inzwischen hatte ich mich in Lübeck nach den Möglichkeiten einer beruflichen Ausbildung erkundigt. Die Landesmusikschule Schleswig-Holstein wurde von Johannes B r e n n e k e geleitet, der mich nach einem kurzen Gespräch ohne Prüfung aufnahm und mir hilfreiche Hinweise für mein Studium mit auf den Weg gab. Er beurlaubte mich von allen Fächern, in denen ich gut warm damit ich viel üben konnte: Vier Stunden Klavier und vier Stunden Orgel täglich, außer am Sonntag. Nach dem Kindergottesdienst und den Taufen hatte ich endlich „frei“!

Mein Orgellehrer war Erwin Z i l l i n g e r . Für alle, die ihn kannten, ein Vorbild als Musiker, als Mensch und als Christ. Für mich war vor allem wichtig, dass er Geduld hatte, denn ich hatte erhebliche Lücken in technischer Hinsicht. Zillinger war vor dem Krieg als Domorganist in Schleswig tätig gewesen und als Landeskirchenmusikdirektor zuständig für die Kirchenmusik in Schleswig-Holstein. Er war an den Lübecker Dom berufen worden und zugleich Orgellehrer an der Landesmusikschule. Als am Sonntag Palmarum 1942 britische Flugzeuge die Lübecker Innenstadt zerstörten, wurde auch der Dom zerbombt. Die Folge war, dass Zillinger an einer anderen Kirche Dienst tun musste, und zwar, beinahe schicksalhaft,  S t. G e r t r u d . Hier arbeitete er genau so engagiert und verantwortungsvoll wie am Dom. Es lag nahe, dass er seine Orgelschüler an seiner Orgel unterrichtete.

So habe auch ich viele Stunden meines Studiums auf der Orgelbank, Zillinger links neben mir, auf der rechten Backe sitzend, zugebracht. Die Orgel war ein mittelgroßes Instrument, erbaut von der Firma Walcker in Ludwigsburg, und entsprach den damaligen Vorstellungen hinsichtlich der Disposition, also der Auswahl und Zusammenstellung der Orgel-Register, die wir heute als „romantisch“ bezeichnen, auf der man natürlich auch Buxtehude und Bach spielen konnte.

Meine „Erfolge“ im künstlerischen Orgelspiel waren direkt abhängig von der Zahl und der Konzentration hinsichtlich der Übungsstunden, für die ich zum Glück eine „eigene“ Orgel in Kücknitz zur Verfügung hatte. Als ich im Unterricht ein größeres Bach-Präludium abgeliefert hatte, erzählte mir Zillinger eine kleine Anekdote: Sein Kollege Prof. S i t t a r d  hatte als Organist an der Hamburger Michaeliskirche einen Kreis von Schülern um sich versammelt. Wenn er Orgel spielte, trug er stets Lackschuhe. Diesmal interpretierte er Bachs F-dur-Tokkata, gefürchtet wegen der virtuosen Pedal-Passagen. Als er fertig war, drehte er sich um, deutete auf seine Schuhe und sagte zu den angehenden Organisten: „Meine Herren, so spielt man Bach!“ Nicht der kleinste Kratzer war auf dem Lack zu erkennen. So humorvoll konnte Zillinger seine Kritik verpacken!

1948 war in musikalischer wie in persönlicher Hinsicht ein ganz besonderes Jahr. Wer sich noch an die ersten Nachkriegsjahre erinnert, wird bestätigen, daß es echte Notzeiten waren, verschärft durch besonders kalte Winter. Wie wir es damals geschafft haben zu überleben, grenzt einerseits an
Wunder, andererseits an Kriminalität. Der Handel mit Lebensmittelkarten und Zigaretten gehörte mit zum Alltag. Mancher „Mundraub“ (umgangssprachlich „Klauen“) wurde ignoriert. Es ging schließlich um das nackte Überleben!

Das Zauberwort, das uns endlich eine bessere Zukunft ermöglichen sollte, hieß „Währungsreform“. Was das damals bedeutete, wissen heute nur noch Wenige. Die meisten Menschen in Deutschland hatten genug Geld. Dem gegenüber standen aber kaum Werte, vor allem fehlte es an Waren für den täglichen, lebensnotwendigen Konsum. Am 20. und 21.Juni 1948 wurde die Aktion durchgeführt. An die Stelle der wertlosen Reichsmark (RM) trat nun die harte Deutsche Mark (DM). Alle Bundesbürger in Westdeutschland erhielten ein „Kopfgeld“ von DM 40 pro Person, im August einen „Nachschlag“ in Höhe von DM 20. Seit dem Umtausch war ein Wunder geschehen: Die vorher leeren Läden brachten jetzt ein großes Warenangebot, und damit wurden die Lebensmittelkarten, die eine gerechte Verteilung der Grundnahrungsmittel sicherten, überflüssig. Der Schwarzhandel hörte auf. Wir näherten uns der Normalität.

Meine Landeskirchliche B-Prüfung hatte ich bereits im November 1946 abgelegt, das Ergebnis war nicht überwältigend,  insgesamt aber „gut“. Hier muss ich eines Mannes gedenken, der mich in Klavier unterrichtete und innerhalb eines Jahres von Null auf Eins brachte: Wilhelm T i l t i n g aus dem Baltikum, ich glaube, aus Reval, war dieser Pädagoge, der absolute Genauigkeit mit Freundlichkeit und Geduld verband..

Meine Lehrer/innen waren der Meinung, dass ich die Staatliche A-Prüfung bereits im Herbst 1948 ablegen könne. Diesmal konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Nur Einsen und Zweien.

Eines Tages sprach mich Zillinger ganz überraschend an und fragte, ob ich bereit wäre, sein Nachfolger an  S t . G e r t r u d  zu werden. Der Dom sei nun wieder provisorisch hergerichtet, auch eine Orgel würde er bekommen, und er könne nun zu seinem eigentlichen Arbeitsplatz zurückkehren. Ich sagte begeistert zu, und außerdem war ich gerührt und dankbar für den Beweis seines Vertrauens. Die Übergabe des Kirchenchores geschah im Rahmen einer Kaffeetafel. Dort lernte ich die etwa 35 Damen und Herren zum ersten Mal kennen. Die Chormitglieder waren natürlich traurig, weil ihr geliebter Zillinger sie verlassen musste, aber sie waren auch offen und zutraulich gegenüber dem jungen Mann, der sie jetzt leiten sollte.

Die St. Gertrudkirche kannte ich schon von innen, weil ich dort so häufig Orgelunterricht erhalten hatte. Sie wirkte hell und weiträumig. Die Kanzel war über dem Altar errichtet, was man sonst nur von Barock-Kirchen kannte. An der Südseite oben gab es schöne Glasmalereien mit biblischen Szenen, dargestellt im damals modernen “Jugendstil“. Auf der Orgelempore war Platz für einen kleinen Kirchenchor, und wir waren schon damals bemüht, an jedem Sonntag, außer in den Ferien, den Gottesdienst mit Chorgesang zu bereichern. Daran war auch der Kinderchor beteiligt, den Zillinger gegründet hatte, und der noch wuchs, nachdem ich die Leitung übernommen hatte. Das Singen im Gottesdienst war Pflicht für alle Mitglieder, es galten nur begründete Entschuldigungen. Weil ich Jens Jensen, den Sohn des Pastors, mitunter aus dem Bett holen musste, nannte er mich „die Peitsche“. Wir waren aber gute Freunde. Vor seiner Eremitierung war Prof. Dr. Jens - Christian  J e n s e n   Direktor der Kieler Kunsthalle.

Die beiden Geistlichen, die an der Gertrudkirche amtierten, waren Pastor  J e n s e n im Pastorat Bonnusstraße - ich hatte ihn schon in Travemünde kennen gelernt - und Pastor  S c h e u n e m a n n  im Pastorat Gustav-Adolf-Straße. Ich hatte den Eindruck, dass St. Gertrud aus zwei Gemeinden bestand, die sich voneinander unterschieden. Man sah zunächst nur andere Gesichter, dann aber fiel mir auf, dass diese beiden Gemeindeteile unterschiedliche Lieder bevorzugten, und dass damit auch anderes Singen verbunden war. Natürlich hing das damit zusammen, daß die Pastoren verschiedene theologische Ansichten vertraten. Das zeigte sich deutlich an ihren Predigten. Mit beiden Herren hatte ich ein gutes Verhältnis. Sie sahen und hörten, dass ich mir Mühe gab und förderten auch ihrerseits die Kirchenmusik. Musikalische Veranstaltungen neben den Gottesdiensten hatte es noch nicht gegeben, sie wurden jetzt gern angenommen und ganz gut besucht, denn es herrschte drei bis vier Jahre nach Kriegsende großes Interesse an guter Musik, zumal es in zahlreichen Haushalten noch nicht einmal ein Radio gab.

Ich wählte die Form der Musikalischen Vesper, das ist ein Nachmittagsgottesdienst mit viel Musik  Zwischen  den Chorsätzen und  Orgelstücken standen Lesungen und Gebete. Sie stellten die Verbindung zwischen den Musikstücken her und sicherten den gottesdienstlichen Charakter dieser Musik-Veranstaltung. Kein Beifall nach dem „Amen“!

Etwa ein Jahr nach meinem Amtsantritt kündete sich am musikalischen Horizont der Hansestadt ein großes Musikangebot für das Bachjahr 1950 an. Die Innenstadtkirchen dominierten hier, die Randgemeinden mussten sehen, wie sie eventuelle Sonderveranstaltungen durchführen und finanzieren konnten. Ich hatte eine Idee, die vielleicht zu verwirklichen war: Das „Weihnachtsoratorium“ von Bach ist sein populärstes Werk. Es besteht traditionell (aufführungspraktisch) aus zwei Teilen, deren jeder drei Kantaten enthält. Der zweite Teil, also die Kantaten für Neujahr bis Epiphanias, sind weniger bekannt, aber genau so eindrucksvoll. Der Chor war begeistert von dem Plan und schluckte auch die „Kröte“, als ich sagte, dass ich einige Stimmen aus der Landesmusikschule zur Verstärkung mitbringen würde. Aus diesen Verstärkungskräften entstand der Lübecker Bachkreis, der später als Lübecker Kammerchor oft im Rundfunk zu hören und in Lübeck immer präsent war, der heute unter neuer Leitung (Andreas K r o h n) noch aktiv ist. Die Aufführung des Bach-Oratoriums war ein voller Erfolg. Wir hatten gute Solisten, die Chöre klappten einwandfrei, die Kirche war nicht voll, aber gut besetzt, und Dr. Fritz  J u n g schrieb eine lobende Kritik in den „Lübecker  Nachrichten“. Und es war die allererste Veranstaltung im Rahmen des Bachjahres 1950..

Die Zeit meines Wirkens an St. Gertrud aber war begrenzt. Ich war fast Dreissig und hatte vor, eine Familie zu gründen. Das ging jedoch nicht mit einer nebenamtlichen Stelle, die zu wenig Geld einbrachte. So bewarb ich mich um die „volle“ Stelle an der Hauptkirche „Zur Heiligen Dreifaltigkeit“ in Hamburg-Altona. Ich würde gewählt und trat am 1. Mai 1950 den Dienst in Altona an,  blieb aber noch in Lübeck wohnen. Deshalb sind hier noch drei private Anlässe zu nennen, die mich mit „meiner“ Kirche verbinden:

>  1950:  Hochzeit von Günther Pods mit Brigitte Papperitz in St. Gertrud

>  1951:  Taufe von Reimer Pods, geb. 05.05.51                       in St. Gertrud

>  1954:  Taufe von Friedemann Pods, geb. 27.01.54            in St. Gertrud

Die Tätigkeit an „St. Trinitatis“, wie die Altonaer Hauptkirche auch genannt wurde, erwies sich als Glücksfall für mich, weil ich dort als Vorgesetzten Pastor Dr. J o r d a h n  kennen lernte, der nicht nur ostpreußischer Landsmann und kundiger Musikfreund war, sondern auch Experte in allen liturgischen Fragen. Von ihm stammte der launige Spruch: „Selig, selig sind die Beene, die am Altar stehn alleene!“ Manch einer der Pastoren, denen ich diesen Vers weiter gab, grinsten vielsagend.

In der idyllischen Kleinstadt Eutin, etwa auf halbem Wege von Lübeck nach Kiel, hatten früher die Lübecker Fürstbischöfe residiert. Davon zeugt heute eine imponierende Schlossanlage, Sehenswürdigkeit Nummer Eins für alle Touristen. An der St. Michaeliskirche aus dem 13. Jahrhundert  amtierte seit 50 Jahren Andreas H o f m e i e r , Organist, Pianist, Komponist und Dirigent, auch Freund von Max R e g e r. Der Großherzog von Oldenburg hatte ihn wegen seiner Verdienste um das Musikleben in Holstein den Titel „Professor“ verliehen. Es war schon Tradition, dass er an jedem 17. Oktober, seinem Geburtstag, ein Ständchen in Form einer Bach-Kantate bekam, ausgeführt von Solisten, einem kleinen Instrumentalkreis und einer Auswahl von Chormitgliedern der Eutiner Kantorei. Dorthin war ich als „Hilfs-Sheriff“ empfohlen worden und jedes Jahr mehrfach in Eutin, um mit dem Chor zu proben und das Ständchen zu leiten. Hofmeier war zufrieden, und der Chor war es auch.

Im Jahre 1951 erklärte Hofmeier spät, dennoch überraschend seinen Rücktritt. Die Stelle wurde ausgeschrieben. Es bewarben sich 33 teils erfahrene und erfolgreiche Kirchenmusiker. Eine Delegation des Eutiner Chors besuchte mich in Lübeck und wollte mich zu einer Bewerbung bewegen. Aber: Ich war nach einem Jahr Probezeit zum kirchlichen Beamten ernannt worden. Also durfte ich mich nicht bewerben, und ich konnte auch nicht versetzt werden. Im Kreis Eutin gab es eine eigene Landeskirche. Langer Rede kurzer Sinn: Der Altonaer Kirchenvorstand gab mich frei; Bruno Jordahns Stimme hatte den Ausschlag gegeben. Die Eutiner Gemeinde konnte eine Berufung aussprechen und mich als Beamten einstellen. Am 1. April 1952 begannen dreißig  Jahre einer glücklichen Zeit im Dienste der Musica sacra, mit Schwerpunkten auf den Gottesdiensten, aber auch mit zahlreichen, gut gelungenen Konzerten.

Am 1. Dezember 1982 trat ich in den Ruhestand. Am 13. Mai 1983 habe ich noch einmal geheiratet. Wir zogen nach Kiel, weil Melli, meine Frau, an der Uni Latein und Geschichte studierte und ich die Gelegenheit wahrnahm, meine Kenntnisse in Musikwissenschaft zu erweitern und zu vertiefen. Dann gabelte mich auch noch Pastor Klaus N i e j a h r auf. Wir waren Freunde aus unserer Eutiner Zeit. Ich sollte in seiner Vorstadtgemeinde St. Gabriel die Orgel spielen. Wieder einmal konnte ich nicht Nein sagen, und so blieb ich genau drei Jahre lang Organist in Kiel-Russee.

Als dann im folgenden Jahr (1984) unser Sohn Jurgis das Licht erblickte , war für Melli erst einmal die Luft raus, was ihr Studium betraf. Außerdem hatte sich inzwischen unsere Tochter Mirka entschlossen, noch in Kiel zur Welt zu kommen. Der 30. Juli 1986 war für uns ein sonniger Tag - in jeder Hinsicht!

Das Leben in Kiel hatte uns auf die Dauer nicht gefallen, und wir wollten nach Lübeck, wo zwei meiner Geschwister wohnten und weil dort der Kammerchor darauf wartete, von mir weiter betreut zu werden. Unsere Bemühungen um ein eigenes Dach überm Kopf wurden durch eine Familienförderung des Landes Schleswig-Holstein begünstigt.

Am 10. Dezember desselben Jahres (1986) bezogen wir unsere neue Hütte in Stockelsdorf. Zu Weihnachten wurde Mirka von Pastor R e u ß  im Dom getauft. Durch den Kammerchor hatten wir eine enge Beziehung zum Dom. Prof. Uwe R ö h l  schätzte unsere chorischen Leistungen und integrierte uns in die gottesdienstliche wie konzertante Planung. So durfte der Kammerchors beim Festgottesdienst zur 800-Jahrfeier des Lübecker Domes die Chormusik vortragen.

In den Jahren davor hatten wir nicht nur in den Lübecker Hauptkirchen, sondern mehrfach auch in  S t. G e r t r u d  gesungen. 1969 produzierten wir dort eine Schallplatte mit der Deutschen Messe von Zillinger, später waren wir angetan von der geschmackvollen, gemäßigt-modernen Umgestaltung des Kirchenraums so wie der hervorragenden Akustik, die ganz besonders günstig für das Musizieren war. Unsere Programme waren anspruchsvoll, fanden dennoch genügend Zuhörer. Gelegentlich spielte Susanne  N a g e l einige Orgelstücke im Rahmen unserer Vortragsfolge.

Für Anfang April 1987 hatte ich bei Herrn Pastor Dr. P a t z e l t  die Kirche für eine Aufführung von Bachs Johannespassion erbeten, was mir - wie sonst auch - gern gewährt wurde. Ende Februar klingelte bei uns in Stockelsdorf das Telefon. Dr. Patzelt war am Apparat, und ich fragte ihn besorgt, ob es Terminprobleme gäbe. Nein, nein, es wäre etwas ganz anderes: Er hätte gehört, dass wir uns im Raum Lübeck niedergelassen haben, und ob ich Zeit hätte, am kommenden Sonntag - das war der 1. März - in St. Gertrud die Orgel zu spielen. Ich hatte Zeit und hatte Lust und sagte gern zu. Wenige Tage später schloss sich auch Pastor  K r ü g e r  diesem Wunsch seines Kollegen an.   

Ich habe keine Ahnung mehr, wie dieser erste Gottesdienst nach so vielen Jahren in meiner ehemaligen Kirche angekommen ist. Aber später bekam ich zu hören, man könne zu meiner Begleitung gut singen. Es war schon merkwürdig: Ohne es zu ahnen und ohne es eigentlich zu wollen, saß ich plötzlich wieder - als wäre die Zeit stehen geblieben - auf der Orgelbank, auf der selben Empore, den alten Spieltisch hinter mir. Dort hatte ich als Orgelschüler 1946-1948 mit Zillinger zusammen gesessen.

Was ich hier an musikalischen, ehrenamtlichen Aktivitäten vorfand, war für mich überraschend und bemerkenswert: Da hatte Pastor H a n s – D i e t e r  K r ü g e r  einen leistungsfähigen   Posaunenchor  mit vielen jungen Leuten selbst aufgebaut. Dieser spielte mindestens einmal im Monat im Gottesdienst, immer im Wechsel mit der Orgel; in der Weihnachtszeit mehrfach, auch außerhalb.  Hilla  Krüger  hatte einen beachtlichen und engagierten  Gemeindechor  gegründet, der ebenfalls zehn - bis zwölfmal im Jahr mitwirkte. Es war üblich, dass in den Gottesdiensten nicht nur je zwei, sondern vier Lieder und Motetten erklangen. Dann gab es noch den  Frauensingkreis , der ebenfalls von ihr geleitet und von Dieter Krüger auf der Gitarre begleitet wurde. Und ich erinnere mich gern daran, dass nach einem meiner ersten Gottesdienste zwei nette Damen aus dem Singkreis zu mir an die Orgel kamen und sagten: „Sie werden uns vermutlich nicht wieder erkennen. Aber wir haben damals (1948-1950) unter Ihrer Leitung im Kinderchor mitgesungen“. Ist das nicht entzückend?

Wer nach St. Gertrud zum Gottesdienst kommt, hört sofort, dass die Gemeinde gern und gut singt. Das bedeutet für den Organisten: er muss spüren, ob er zu langsam, zu schnell, zu laut oder zu leise begleitet. Dass er Lieder verwechselt, mal eine Strophe vergisst oder zuviel spielt, fällt inzwischen unter eine Generalamnestie! Dank über Dank, liebe Gemeinde!

Gleich anfangs wurde mir der Vorschlag gemacht, ich könne und dürfe selber auch zur musikalischen Gestaltung der Gottesdienste beitragen. Dazu mussten außergemeindliche Kräfte aktiviert werden, und so haben wir dann in Team-Arbeit Vokal- und Instrumentalmusik dargeboten, die wir für den Gottesdienst geeignet fanden. Das ging vom Sologesang über Duett und Terzett bis zum Quartett, in seltenen Fällen bis zum Doppelquartett, also bis zur Achtstimmigkeit. Bei dieser Zusammenarbeit war Hilla Krüger  eigentlich immer dabei, entweder als Alt-Sängerin oder als Solistin auf der Bratsche, die eigentlich Viola heißt. Große Verdienste hat sich über lange Zeit auch Frau Inge  Fehsenfeld  (Sopran) erworben. Sie hatte schon 1950 im oben erwähnten „Weihnachtsoratorium“ mitgewirkt. In der berühmten Echo-Arie, gesungen von Margot Guilleaume, hatte sie glockenhell und rein das „Echo“ intoniert. Aber auch die anderen Damen und Herren, die mir geholfen haben, trugen dazu bei, dass wir Jahr für Jahr in jedem Gottesdienst Figuralmusik bzw. eine besondere musikalische Ausgestaltung hatten, von der andere Gemeinden in Lübeck nur träumen können. Darum sei nicht nur den namentlich genannten, sondern auch allen übrigen Mitwirkenden, herzlicher Dank und große Anerkennung ausgedrückt.

Nach fünfzehn Jahren Dienst an St. Gertrud (1987-2002) sei dieser Bericht mit einem Dank an Gott, meinen Schöpfer und Erhalter, beschlossen. Er hat mir ein langes, reich gesegnetes Leben geschenkt. Mit seiner Hilfe will ich weiter arbeiten, solange er es zulässt. Und wenn meine letzte Stunde kommt, weiß ich, wo ich hingehöre.

 

Kurze Biographie:

Günther P o d s  wurde am 19. April 1920 als Sohn des Predigers Georg Pods in Angerburg / Ostpreußen geboren und wuchs in Memel (heute Klaipeda/Litauen) auf. 1939 machte er das Abitur, erhielt seine erste Organistenstelle an St. Jakobi in Memel und wurde im Dezember desselben Jahres  zur Wehrmacht eingezogen. Das Ende des Krieges erlebte er im Wehrmacht-Lazarett Travemünde. Er studierte Kirchenmusik an der Landesmusikschule Schleswig-Holstein. 1946: B-Prüfung; 1948: A-Prüfung; 1950: Staatl. Privatmusiklehrerprüfung (Gesang).

A n s t e l l u n g e n  als Kantor und  Organist: 1945-1948: St. Johannes Lübeck-Kücknitz; 1948-1950: S t. G e r t r u d, Lübeck; 1950-1952: Hauptkirche „Zur Heiligen Dreifaltigkeit“, Hamburg-Altona; 1952-1982: St. Michaelis Eutin, 1966: Ernennung zum Kirchenmusikdirektor.1983-1986         St. Gabriel, Kiel-Russee; seit 1. März 1987:  St. Gertrud  Lübeck.

N e b e n t ä t i g k e i t e n: 1945-1970: Oratoriensänger (Tenor); 1950-1988: Leitung des Lübecker Kammerchores; 1950-1960: Lehrauftrag für Stimmbildung an der Musikakademie; 1961-1967: Lehrauftrag für das Fach Musik am Johann-Heinrich-Voß-Gymnasium Eutin; 1971- 1976: Lehrauftrag an der Musikhochschule Lübeck (Chorleitung, Stimmbildung); 1976-1982: Pädagogische Leitung der Kreismusikschule Ostholstein in Eutin.