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20.06.2020: Ein gelungenes Konzert als Auftakt für unsere Festwoche "100 Jahre St. Gertrud-Kirche"

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Erinnerungen von Hilde Mekelburg

 

 100 Jahre St. Gertrud
Erinnerungen von Hilde Mekelburg

 

Das ist für mich ein Anlass, Rückblick zu halten, denn wir, mein verstorbener Mann Fritz Mekelburg und ich, gehören seit mehr als 50 Jahren als aktive Mitglieder dieser Gemeinde an.

Im Jahr 1950 sollte unsere Tochter getauft werden, obwohl mein Mann und ich nur standesamtlich, nicht kirchlich getraut waren (die kirchliche Trauung wurde später, am 01. Juli 1952 nachgeholt). So rechnete ich bei der Anmeldung zur Taufe mit einem abschlägigen Bescheid. Das Taufgespräch war meine erste Begegnung mit Herrn Pastor Dr. Scheunemann. Er nahm die Taufe für den Oktober 1950 an. Gleichzeitig lud er mich zum Mütterkreis ein, der von seiner Frau gehalten werde. Ich empfand heftigen Widerstand, glaubte ich doch nicht an Gott, noch weniger an Christus. Dennoch wollten mein Mann und ich, beide getauft und konfirmiert, unserer Tochter diese Sakramente nicht vorenthalten. So gab ich halbherzig mein Wort, den Mütterkreis zu besuchen.

Mein Mann, gradlinig wie er war, hielt mich an, mein Wort zu halten, doch ich nahm mir vor, größtmögliche persönliche Zurückhaltung und Skepsis zu üben. Völlig unter dem Einfluss des Nationalsozialismus aufgewachsen als Jahrgang 1923 hatte ich gerade die totale Desillusionierung und den totalen Zusammenbruch aller hoch-gehaltenen Ideale erlebt. Wie vielen anderen Menschen unseres Landes, war mir der Boden unter den Füßen entzogen. Außer den materiellen Werten waren vor allem die inneren Werte zerstört, ich glaubte an Nichts und wollte niemandem mehr trauen - außer natürlich meinem Mann.

So kam ich als reservierte Beobachterin in den Mütterkreis. Etwa 20 - 25 junge Frauen versammelten sich auf der kalten Empore des Gemeindesaales, damals noch nicht mit Schiebefenstern abgetrennt und daher zugig. Ich meine, ein kleiner Elektro-Ofen spendete ein wenig Wärme, so wenig jedenfalls, dass es ratsam war, die Mäntel nicht abzulegen. Frau Scheunemann kam, es wurden mir unbekannte Lieder gesungen. Sie begann den Abend mit einem Gebet. Es war nicht eines der Gebete, die ich aus dem Konfirmandenunterricht kannte, sondern vielmehr ein Gespräch mit jemandem, der zwar nicht sichtbar, aber dennoch anwesend war. Dann las Frau Scheunemann aus einem Buch vor, das ich im Laufe des Abends als Bibel vermutete und sprach darüber. Das beeindruckte mich ungemein, denn es traf genau meine persönliche Situation.

Ich wappnete mich mit Widerspruch, gab das meinem Mann gegenüber aber nicht zu. Wir hatten nie zuvor über Religion gesprochen. Er förderte weitere Besuche, obwohl das für ihn bedeutete, unsere 7 Monate alte Tochter zu versorgen. Mit der Zeit weckten die Gespräche über die Bibel meine Neugier, die anderen Frauen interessierten mich zunächst weniger.

In diesen ersten Wochen besuchte uns Pastor Scheunemann. Er kam mit dem Fahrrad und war nicht sonderlich gesprächig, lud aber zum Schluss meinen Mann zum Männerkreis ein. Er fand im 14tägigen Wechsel mit dem Mütterkreis statt, und mein Mann sagte zu. Nun kam es zwischen uns Eheleuten zu Gesprächen über den christlichen Glauben. Mein Mann kannte die Glaubensinhalte. Er war von Kind an im Elternhaus in Ostpreußen damit vertraut, seine Eltern lebten als bewusste Christen. Von ihm erfuhr ich, welche Kraft und Zuversicht er daraus während des Krieges als Flugzeugführer und vor allem nach einer schweren Verwundung bei einem Bodeneinsatz kurz vor Kriegsende schöpfte.

Nun meinte ich, um etwas begründet ablehnen zu können, müsste ich erst einmal wissen, worum es wirklich ging. Ich ging regelmäßig zum Mütterkreis, und - um es kurz zu sagen: Gott hat mich überzeugt. Damit fing für mich ein neues Leben an.

In dieser ersten Zeit ging es uns allen und auf allen Gebieten kärglich. Enge Wohn-Verhältnisse waren normal. Es gab zwar nach der Währungsreform Vieles zu kaufen, jedoch bekamen die Männer, wenn sie denn überhaupt Arbeit hatten, nur geringen Lohn. Frau Scheunemann überraschte uns damit, dass jeder von uns ein Carepaket bekam. Darin enthaltenes Eipulver, Milchpulver, Kakao, Butterschmalz, Tee und Kekse waren für uns wirkliche Schätze.

Die erste Zeit des Mütterkreises - es gäbe vieles zu berichten: Eine Wanderung nach Arnims Ruh. Eine Gemeindeschwester oder -helferin hatte per Fahrrad Marmelade, Brot und Margarine hingebracht, Kaffee (Muckefuck!) wurde dort zubereitet, welche Köstlichkeiten! Oder unser Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Hilfe durch den Austausch von Erstlingsausstattungen, Kinderwagen und -bettchen. Und dann die Tatsache, dass Frau Scheunemann uns als Ärztin die Vorgänge unseres Körpers während einer Schwangerschaft erklären und uns so helfen konnte, damit umzugehen.

Und dann die Mütter-Freizeit! Zunächst nur Samstag und Sonntag, da die Männer samstags noch arbeiten mussten und es für alle Mütter schwierig war, die Kinder über zwei Tage versorgt zu wissen. Wir fuhren nach Ratzeburg und waren in den großen Räumen des Domhofes untergebracht, schliefen dort in Etagenbetten. In einem Gewölberaum versammelten wir uns zur Bibelarbeit, gehalten von Pastor Scheunemann. Es entwickelten sich daraus viele Gespräche und wir lernten ein ganz anderes Menschenbild kennen als das, was wir bis dahin um uns und in uns fanden. Neu für uns war auch, dass sich die Eheleute Scheunemann mit uns in eine Reihe stellten - sie blieben aber dennoch unsere "Lehrer". Wir lernten, Christus als unseren Herrn und Heiland zu sehen, wurden Lasten aus der Vergangenheit los und wagten, Zukunftsängste abzulegen und ein neues Leben zu beginnen, im Vertrauen auf Gott.

- Die Nächte wurden manchmal recht kurz! - Aber auch das leibliche Wohl kam nicht zu kurz. Es war einfach umwerfend, sich an einen gedeckten Tisch setzen zu dürfen und gespannt zu warten, was wohl serviert würde. Und es gab Spiel und Spaß! Wir waren ja alle jung und hatten bis dahin wenig Möglichkeiten gehabt, ausgelassen und fröhlich zu sein.

Später konnten die Freizeiten dann sogar schon am Freitag beginnen: Pastor Scheunemann stellte eine Kindergärtnerin ab zur Betreuung der Kinder, die nun mitgebracht werden konnten. Die Säuglinge wurden von den Müttern selbst versorgt. Wieder etwas später wurde auch die Bäk gebaut, wir hatten Tagungsräume zur Verfügung, wohnten in schönen, hellen Zimmern. Alles wurde etwas nobler, der Charakter der Aufbruchstimmung nach Not und Elend schwand.

Ein weiteres Kapitel ist die Weihnachtszeit, wie wir sie damals erlebten. Sie wirkte nicht nur in unsere Familie hinein. Es war Pastor Scheunemann ein Anliegen, die Geburt des Gottessohnes als Kind in der Krippe den Menschen nicht nur im Gottesdienst an den Weihnachtsfeiertagen, sondern auch mit einer Gemeinde-Weihnachtsfeier nahezubringen. Es wurden besondere Krippenspiele ausgewählt und einstudiert - unter den damaligen Rahmenbedingungen kein leichtes Unterfangen! Freizeit war knapp, die tägliche Arbeitszeit war länger als heute. Und der Gemeindesaal, in dem die Proben stattfanden, war bitterkalt, er konnte nicht eigens für die Probenabende beheizt werden. Und dennoch gab es manch unvergessenes Weihnachtsspiel.

Ein anderer Höhepunkt der Weihnachtsfeiern war die amerikanische Versteigerung einer Niederegger-Nusstorte oder später einer Weihnachtsgans, humorvoll von Pastor Scheunemann geleitet. Die Nusstorte wurde von Frau Strait, der Niederegger-Senior-Chefin gespendet. Der Erlös der Versteigerung kam den von St. Gertrud ausgegangenen Missionaren zugute.

Überhaupt war der 2. Bezirk der St. Gertrud-Gemeinde sehr spendenfreudig, obwohl doch überwiegend Arbeiter-Wohngebiet, also nicht gerade mit Wohlstand gesegnet. Gespendet wurden Kaffee und Kuchen zu den Gemeinde-Weihnachtsfeiern, und es gab auch Sachspenden. So kamen z.B. aus dem Frauenkreis, der auch damals schon bestand und nachmittags von Pastor Scheunemann gehalten wurde, allerlei nützliche, selbst hergestellte Sachen zusammen, die dann verlost wurden. Jedes Los gewann. Ich erinnere mich, dass ich so in den Besitz einer Halbschürze und eines Klammerbeutels kam. Auch dieser Erlös ging an die Mission. - Aus der Verlosung entwickelte sich später der Weihnachts-Basar. Wesentlichen Anteil an der aufwendiger werdenden Herstellung von Handarbeiten aller Art hatte die nun schon heimgerufene Frau Lotte Moritz. - Mit dem beginnenden Wohlstand stieg auch das Spendenaufkommen und die Erlöse aus der Versteigerung und den Basaren.

Zur Missionstätigkeit unter Pastor Scheunemann möchte ich auch noch etwas berichten. Er hatte erzählt, er habe als junger Mann gewusst, er solle in die Mission gehen, sich aber für andere Wege entschieden. Er empfand es als Schuld vor Gott und bereute das. Nach dem Zusammenbruch des sogenannten "3. Reiches" begann auch für ihn eine Neuorientierung.

In Lübeck waren die Engländer stationiert, die Mehrzahl der Villen im Stadtteil St. Gertrud wurden von englischen Offizieren und ihren Familien bewohnt. Einer der Offiziere hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Deutschen mit Bibeln zu versorgen. In der "Großen Alten Fähre" wurde eine Bücherstube eingerichtet, betreut von Ida Lipinski und dem Engländer Bob Schafer. Mag sein, dass durch ihn Pastor Scheunemann mit der in England bestehenden Mission "WEK" (Weltweiter Evangelisations-Kreuzzug) in Verbindung kam. Sie setzte sich zusammen aus Baptisten, Methodisten, Freikirchlichen Gemeinschaften und eben auch evangelischen Kirchengemeinden. "Hauptquartier" und Ausbildungsstätte für Missionare aus allen Ländern waren in London, so weit ich weiß unter der Leitung von David Batchelor und seiner Frau. Sie besuchten auch unsere Gemeinde und hielten Vorträge. Es entstand ein reger Austausch von Missionaren, die auf Heimaturlaub waren und von ihrer Tätigkeit berichteten. Die Vorträge fielen in dieser Zeit des Um- und Aufbruches auf fruchtbaren Boden. Pastor Scheunemann sagte einmal, bei ihm sei aus einem Interesse für die Mission eine Missionsliebe geworden.

Es kam zu einer jährlichen einwöchigen "Glaubens- und Missions-Konferenz", die ihren prägenden Eindruck hinterließ. Nicht nur mein Mann nahm sich eigens für diese Zeit Urlaub, um am Vormittag an den Bibelstunden teilnehmen zu können. Sie fanden im Bonnussaal statt. Auch wir Mütter konnten teilnehmen, unsere Kinder durften im Kindergarten sein. Abends gab es dann eine Veranstaltung im Gemeindesaal mit den persönlichen Berichten der Missionare. Es waren nicht nur Berichte segensreicher Arbeit, sondern oft genug auch von Niederlagen und Versagen im eigenen Leben, immer aber vom Wirken Gottes in den Menschen. - Es waren schon strapaziöse Tage, nicht zuletzt, weil die Missionare in unseren Familien untergebracht waren. Besonders in Erinnerung sind mir Josia Kibira aus Nigeria und vor allem William Nagenda aus Uganda.

Auf fruchtbaren Boden fielen die Berichte der Missionare auch bei unserer Jugend aus dem von Pastor Scheunemann geleiteten "Freitags-Kreis". Bei einigen Jugendlichen entstand der Wunsch, das persönliche Leben ganz in den Dienst für Jesus Christus zu stellen. Das wurde von Pastor Scheunemann begrüßt und unterstützt. Er hatte seinen Ruf in die Mission verpasst, nun wollte er den jungen Leuten den Weg aufzeigen. Es kam schon vor, dass da Begeisterung mit echtem inneren Auftrag verwechselt wurde. Das zeigte sich dann spätestens in der schweren Zeit als "Missionskandidat", die manchmal abgebrochen wurde. Es gab auch Mädchen, die sich als Krankenschwestern ausbilden ließen und später über diese Schiene in die Mission gingen. Es entstand eine Gruppe junger Leute, die zu den Zigeunern gingen, deren Wohnwagen vor den Toren Lübecks standen. Einige Mädchen und ein junger Mann gingen nach beendeter Berufsausbildung an eine Bibelschule, um Gemeindehelfer/in zu werden.

Auch zwei Söhne der Familie Scheunemann gingen als Missionare bzw. Lehrer nach Indonesien an die Bibelschule in Batu. Der älteste Sohn Dettmar heiratete unsere damalige Gemeindehelferin Gisela Juch. Vor der Ausreise wurden in der Scheunemannschen Garage Kisten gepackt mit allem, was zum Aufbau eines Haushalts bzw. einer Bibelschule gebraucht wurde. Sie war noch in den allerersten Anfängen. - Dann kamen regelmäßige Berichte über den Fortgang der Arbeit. Nicht viel später wollte auch Volkhard Scheunemann mit seiner jungen Frau Gerlinde nach Batu. Er hatte Theologie studiert, war aber noch nicht als Pastor ordiniert. Der damalige Lübecker Bischof, der von den Missionsplänen wusste, lehnte die Ordination ab mit der Begründung, ein junger Pastor sollte erst einmal Erfahrung in der Leitung einer Gemeinde sammeln. Volkhard sah seinen Weg aber anders. Vater Scheunemann gewann den Leiter der Breklumer Missions-Gesellschaft, Pastor Pörksen dafür, Volkhard zu ordinieren. Der feierliche Akt fand dann im Gemeindesaal statt, und das junge Paar wurde nach Indonesien ausgesandt.

Nun konnten Dettmar und Gisela Scheunemann auf Heimaturlaub kommen. Die Gemeinde bereitete ihnen einen herzlichen Empfang. Wir wussten zwar, dass die Missionsarbeit erheblichen Einsatz forderte, doch wir waren - das muss ich schon sagen - erschüttert, als wir sie sahen: armselig gekleidet und körperlich ausgemergelt! Später war es für Volkhard und Gerlinde nicht mehr ganz so arg.

Auch mein Mann Fritz Mekelburg, wie ich Jahrgang 1923, würde zum 100. Jahrestag der Gemeinde St. Gertrud bestimmt einen Beitrag leisten, wäre er nicht schon 1992 heimgerufen worden. So versuche ich, aus den Jahrzehnten seiner Aktivitäten in der Gemeinde zu berichten. Es muss in den Jahren 1951 oder 1952 gewesen sein, als er in den Gemeinde-Vorstand berufen wurde. Er nahm das Amt mit Freude an und erfüllte es mit Hingabe bis zu seinem irdischen Ende. Besonders wichtig waren meinem Mann die von Pastor Scheunemann gehaltenen Bibelstunden. Er versäumte sie nie ohne triftigen Grund und schätzte sehr die Auslegung des Alten Testamentes.

Überhaupt waren ihm die sonntäglichen Gottesdienste eine Selbstverständlichkeit. Sie waren immer gut besucht.

Zur Kirchengemeinde St. Gertrud gehörte auch die Flüchtlingssiedlung in Wesloe. Seit 1945 wohnten dort viele Familien unter heute unzumutbaren Verhältnissen. Sie wurden von Pastor Scheunemann betreut. Er besuchte sie anfangs mit dem Fahrrad, später mit seinem ersten Auto, einem kleinen Goggomobil. (Es war sehenswert, wie der große Mann in dem kleinen Auto Platz fand!) Zu Beginn der 50er Jahre intensivierte sich der Kontakt zwischen den beiden Gemeindeteilen. Es gab in Wesloe einen "Kirchsaal", einen Raum in einer Baracke, der nur an jedem zweiten Sonntag geöffnet wurde, gelüftet und der eiserne Ofen beheizt. Diese Aufgaben oblagen der in Wesloe ansässigen Familie Leu und wurden von ihnen hingebungsvoll ausgeführt. Der Raum war sehr klein und niedrig, die Luft daher oft etwas muffig. Trotzdem wurden die Gottesdienste mit anschließendem Kinder-Gottesdienst dort sehr gut angenommen, denn die St. Gertrud-Kirche war für die Wesloer nur unter großen verkehrs-technischen Schwierigkeiten zu erreichen.

Die Entwicklung in dieser Zeit brachte es mit sich, dass Pastor Scheunemann die Leitung der Gottesdienste in Wesloe an drei Kirchenvorsteher übertrug. Das waren Arnim von Hoerschelmann, Werner Altmann und mein Mann. Das bedeutete für ihn, sich gewissenhaft auf die vorgegebenen Predigttexte vorzubereiten. Er benutzte dazu eine Studienbibel, sowie Kommentare. Er forschte in der Bibel, die sich ja auch selbst auslegt und zog auch verschiedene Übersetzungen heran. Der Predigttext begleitete ihn dann alle Tage, bis zu dem Sonntag, an dem er den Gottesdienst leiten sollte. Mein Mann war kein Mann vieler Worte, sondern des Wortes. Was er sagte, war bedacht und so gemeint. - Bei allen drei Männern wurden die Gottesdienste von den Wesloern und auch von etlichen Lübeckern gut besucht.

Zu einem sehr frühen Zeitpunkt sollte in Wesloe eine Evangelisationswoche gehalten werden, und zwar nicht von Pastoren oder ausgebildeten Predigern, sondern von uns schlichten Gemeindemitgliedern. Wir sollten und wollten einfach nur bezeugen, was uns der Glaube an Jesus Christus bedeutet. Mein Mann hatte als Thema: "Warum ich als Arbeiter an Jesus Christus glaube." Ich fand das Manuskript bei seinen Predigtaufzeichnungen und konnte feststellen, dass seine Aussagen heute noch genauso aktuell sind wie damals in den 50er Jahren! - Die Abende dieser Evangelisationswoche wurden ebenfalls gut besucht.

Mein Mann würde ganz sicher auch etwas über die Zeit seiner Zugehörigkeit zum Männerkreis sagen wollen. Er besuchte ihn seit Oktober 1950, seit der Taufe unserer Tochter, bis sich der Kreis in späteren Jahren aus verschiedensten Gründen auflöste.

Zunächst aber kamen die Männer alle 14 Tage zusammen zu Gesprächen um die Bibel. Auch dieser Kreis unterstand der Leitung von Pastor Scheunemann und war für die Männer so auf- und anregend, wie für uns Frauen der Mütterkreis. Sie wurden von Pastor Scheunemann ermutigt, dass jeweils einer von ihnen die Einleitung des Abends übernehmen sollte. So wurde das auch im Mütterkreis gehandhabt und es entstanden daraus zwischen uns Eheleuten segensreiche Gespräche. Mag sein, dass sich die Männer schwerer öffneten, als wir Frauen. Das wurde deutlich bei den Männerfreizeiten. Es fiel ihnen leichter, über etwas zu sprechen, als von sich selbst. Sie achteten einander bei oft konträren Ansichten. Es kam aber auch oft zu tiefen Gesprächen zwischen Einzelnen unter ihnen. Sie hatten die Zeit des Nationalsozialismus und schließlich den Zusammenbruch unterschiedlich erlebt, kamen aus dem Krieg oder aus Gefangenschaft und hatten zum Teil Fürchterliches erlitten, Verletzungen an Leib und Seele. Mancher hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, das Erlittene zu verdrängen, was nicht ohne Folgen blieb. Sie mussten nun neu beginnen, beruflich Fuß fassen, eine neue Heimat aufbauen. Es wurde zwar allmählich wirtschaftlich besser, jedoch unsichtbare Lasten blieben und lasteten manchem schwer auf der Seele, schuldhafte Verflechtungen vor, während und nach dem Krieg. Das zu erkennen war schwer, noch schwerer, es vor sich selbst oder gar vor anderen zuzugeben. Es war immer ein Wunder, wenn es doch geschah und die Befreiung auch nach außen hin sichtbar wurde. So waren die Anfänge - bis dann das Wirtschaftswunder das Leben veränderte und die Lebensumstände "normal" wurden.

Später dann kam wieder eine Zeit des Umbruchs, auf eine ganz andere Art. Pastor Scheunemann wurde pensioniert, Pastor Krüger trat seinen Dienst an. Mit dem neuen Pastor veränderten sich zwangsläufig eingefahrene Strukturen und neue erwuchsen. Das war vielleicht für manche Gemeindemitglieder nicht einfach zu verkraften. So wird es in nicht allzu ferner Zukunft wieder sein, wenn wieder ein neuer Pastor seinen Dienst in St. Gertrud antritt. Aber fest steht: Pastoren kommen und gehen, Christus aber ist und bleibt der Herr der Gemeinde, auch über weitere 100 Jahre hinaus! ER wird immer Menschen finden und herausrufen, IHM zu folgen, SEIN Werk voranzutreiben und SEINE Kraft zu bezeugen. Mein Wunsch und Gebet ist, dass Gott seine segnende Hand weiter auf der Gemeinde St. Gertrud ruhen lassen möge. Und wer gesegnet wurde, sollte das Danken nicht vergessen!