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20.06.2020: Ein gelungenes Konzert als Auftakt für unsere Festwoche "100 Jahre St. Gertrud-Kirche"
Dankbarer Rückblick u. Ausblick v. Pastor em. Hans-Dieter Krüger
![]() Am Sonntag, dem 1. Juli 1973 wurde ich durch den damaligen Senior Stoll als Pastor in die St. Gertrud-Gemeinde eingeführt. Es war ein warmer Sommertag. Meine Frau und ich saßen nach dem Gottesdienst und einem kleinen Empfang auf einer Bank im Stadtpark und machten uns Gedanken darüber, was uns in Lübeck erwarten würde. Wir waren vorher 5 Jahre in Gahlen, einer Landpfarrstelle am Niederrhein gewesen. Es war eine anstrengende aber auch schöne Zeit. Ich hatte jeden Sonntag 2 Gottesdienste in verschiedenen Kirchen zu halten und danach noch Kindergottesdienst in der entfernter liegenden Kirche, während meine Frau Hilla den Kindergottesdienst in der Hauptkirche übernahm. Danach trafen wir uns mit Presbytern - so nennt man im Rheinland die Kirchenvorstandsmitglieder - in einer der Kirche gegenüberliegenden Gaststätte zu einer Tasse Kaffee, an die sich auch schon mal ein anderes Getränk anschließen konnte. Es gab in der Gemeinde eine Menge zu tun: Eine Friedhofskapelle musste errichtet werden, eine Friedhofsreform stand an, die Kirche bedurfte einer gründlichen Renovierung, eine Schule wurde von der Zivilgemeinde gekauft und musste für unsere Zwecke umgebaut werden, und der Bau eines Kindergartens war notwendig. Rückblickend kann ich sagen, dass wir in dieser relativ kurzen Zeit viel geschafft haben. Außerdem gründete ich einen Kirchenchor, der heute noch besteht und Hilla einen Kinderchor. Sie spielte in beiden Kirchen auch die Orgel. Obwohl wir uns in Gahlen wohlfühlten und bis heute noch mit manchen freundschaftlich verbunden sind, hatten wir den Wunsch, uns zu verändern. Hilla wollte ihr Geigen- und Violastudium wieder aufnehmen und dazu Kirchenmusik studieren. Wir lasen die kirchlichen Zeitschriften und entdeckten eines Tages eine Anzeige der St. Gertrud-Gemeinde in Lübeck, die einen Pfarrer suchte. Sie war so abgefasst, dass sie unser Interesse weckte und wir Kontakt aufnahmen. Ich wurde ermutigt, mich zu bewerben, und habe das auch getan und bekam eine Einladung zur Probepredigt am 4. März 1973. Das Vorgespräch mit Senior Stoll, das in seiner Wohnung stattfand, ist mir unvergessen. Er schilderte die Situation der Gemeinde und sagte, dass man einen Pastor suche, der sich zutraue, die vielen Schwierigkeiten und Probleme, die sich angehäuft hätten, anzupacken. Der zweite Bezirk, für den ich zuständig sein sollte, war durch meinen Vorgänger Pastor Dr. Horst Scheunemann und seine Frau Dr. Gertrud Scheunemann in einer Weise geistlich geprägt worden, die mich tief beeindruckt hat. Es ist verständlich, dass man sich aus kirchlicher Sicht auch Sorgen machte: Junge, engagierte Leute hatten sich wiedertaufen lassen, hatten zum Teil eine kirchenfeindliche Haltung eingenommen und waren aus der Kirche ausgetreten. Mein Auftrag bestand darin, möglichst viele Menschen wieder für die Gemeinde als Kirchengemeinde zu gewinnen und wo nötig, auch Trennungen zu vollziehen. Man hatte beim Kirchenkreis den Eindruck gewonnen, dass St. Gertrud II in freikirchliche Gewässer abdriftete, und der neue Pastor sollte diesen Trend stoppen und umkehren. Nach meiner Wahl kam die Phase des gegenseitigen Kennenlernens. Es wurden viele Gespräche geführt. Manches klärte sich von selbst. Der Eine und Andere verließ die Gemeinde und besuchte nun freikirchliche und auch sektenhafte Kreise, was schmerzlich war und doch unumgänglich. In dieser Zeit wurde mir aber auch deutlich, dass das geistliche Profil des 2. Bezirkes, für den ich verantwortlich war, erhalten werden musste. Dazu gehörte das Singen des evangelikalen und pietistischen Liedgutes. Das pflegen wir bis heute im Frauenkreis und besonders unser Frauensingkreis, der einmal im Monat den Gottesdienst musikalisch ausgestaltet, hat daran Anteil. Das Verhältnis zum 1. Gemeindebezirk war nicht einfach. Jahrzehntelang hatte man sich auseinandergelebt. Es gab mehrfach Überlegungen, die Gemeinde zu teilen, zuletzt anlässlich der Visitation im Jahre 1974. Wenn ich gefragt werde, wie ich die geistliche Richtung der Bezirke charakterisieren soll, dann antworte ich: Der erste Bezirk war konservativ-liberal und der zweite Bezirk konservativ-evangelikal geprägt. Mittlerweile sind diese Unterschiede überwunden und auch die spöttische Bezeichnung "Freikirche St. Gertrud", die wir gelassen ertragen haben, wird kaum noch verwendet. Rückblickend dürfen wir dankbar feststellen: Es waren trotz mancher Schwierigkeiten goldene Jahre. Unvergessen ist die mittlerweile 15jährige schöne und harmonische Zusammenarbeit mit unserem Kirchenmusiker Günther Pods, die musikalisch ausgestalteten Gottesdienste, die Kindergottesdienste, unser Beisammensein im Frauenkreis, beim Gemeindenachmittag, in der Bibelstunde, die Proben und Einsätze des Gemeindechores, des Posaunenchores, des Singkreises. Alle Kreise haben ihre Geschichte, die zum Teil auch in dieser Schrift gewürdigt werden. Meine Frau schloss 1979 ihr kirchenmusikalisches Studium mit dem B-Examen ab und widmete sich nun mit aller Kraft der Gemeindearbeit. In allen Gruppen und Kreisen war sie dabei und übernahm 1979 den Gemeindechor, den sie bis heute leitet. Zur Zeit ist sie vor allem in der Blindenarbeit aktiv. Als Jugendliche war sie bei den Christlichen Pfadfindern und hat dort die ersten Kenntnisse über blinde Menschen gewonnen, als sie im Blindenheim als Vorleserin tätig war. Nun ist sie jeden Montagmorgen im Bonnussaal anzutreffen, wo sie zusammen mit Gudrun Lang und anderen Helfern die Lübecker Cassetten-Nachrichten erstellt. Außerdem engagiert sie sich als Pilotin für blinde Tandemfahrer in unserer Tandemgruppe, aber auch im Schleswig-Holsteinischen-Blindenverein. Dazu kommen noch viele Ausflüge mit Blinden, die sie zusammen mit anderen organisiert. Angesichts der unvermeidlichen Tatsache, dass das Datum meines Ruhestandes immer näher rückt, hat sie wieder ihre Streichinstrumente ausgepackt und spielt in vielen Ensembles und auch im Gottesdienst. Außerdem hat sie sich vor einiger Zeit das Akkordeonspiel beigebracht und musiziert mit anderen blinden Akkordeonspielern bei vielen gemeindlichen Anlässen und wird auch außerhalb Lübecks engagiert. Ich hatte schon immer den Wunsch, einen Posaunenchor zu gründen. Im Frühjahr 1980 teilte ich in der Jungschar und im Jugendbibelkreis die ersten Instrumente aus. Schon zu Weihnachten desselben Jahres waren wir einsatzfähig. Bei den Christvespern waren wir manchmal über 30 Bläser. Viele Mitglieder aus den Anfängen des Posaunenchores sind inzwischen erwachsen, sind umgezogen, haben Ausbildung und Studium absolviert und sind nicht mehr dabei. Aber es ist erfreulich, dass einige von ihnen bis heute in den Christvespern mitspielen. 1987 gründete ich mit meinem Kollegen Michael Bethke die ACM (Arbeitsgemeinschaft Christlicher MotorradfahrerInnen) in Lübeck. Wir organisierten Gottesdienste in der St. Marien-Kirche, die von Tausenden besucht wurden. Auch wenn ich heute nicht mehr aktiv an den Mogos (Motorradgottesdienste) teilnehme, bin ich dieser Arbeit immer noch verbunden und freue mich, wenn ich zu den Treffen kommen und mich an den Ausfahrten beteiligen kann. Seit 1999 bin ich Mitglied von Bikers Helpline, einer Seelsorgeeinrichtung für Motorradfahrer und ihre Angehörigen, die Pastor Holger Janke ins Leben gerufen hat. Mit Pastoren und Laienseelsorgern aus Norddeutschland stehen wir rund um die Uhr für telefonische Seelsorge zur Verfügung. Häufig werde ich gefragt, wie der Christliche Blindendienst in unsere Gemeinde gekommen ist. Dazu muss ich bemerken, dass diese Arbeit viele Jahre lang von unserem ehemaligen Gemeindeglied Frau Annemarie Radeke geleitet wurde. Sie hatte einen kriegsblinden Mann und war den Blinden und vor allem den Kriegsblinden sehr verbunden und hat sich aufopferungsvoll für sie eingesetzt. Immer wieder hat sie mich anlässlich der monatlichen Versammlungen eingeladen, eine Andacht zu halten oder mit dem Posaunenchor oder einer Gitarrengruppe zu spielen. Das habe ich gern getan, und von daher kam im Frühjahr 1987 die Bitte unseres damaligen Propstes Dr. Hasselmann, ich möge die Blindenseelsorge übernehmen, nicht überraschend, und ich habe gerne zugesagt und meine Entscheidung nie bereut. Die Versammlungen tagten nun in unserer Gemeinde, und schnell fand sich ein großer, engagierter Helferkreis, der die Treffen ausrichtete und sich vor allem auch persönlich der blinden Menschen annahm. 1994 nahmen wir ein Projekt in Angriff, das für die Blinden von großer Bedeutung ist: Die Lübecker Cassetten-Nachrichten, die wöchentliche Ausgabe einer Hörcassette mit Nachrichten aus dem Lokalteil der "Lübecker Nachrichten". An etwa 170 blinde Abonnenten wird diese Nachrichtencassette versandt. Gudrun Lang, die dieses Projekt anregte, hat darüber einen ausführlichen Bericht geschrieben. Als wir 1998 unser 25jähriges Dienstjubiläum feierten, wurde die Frage gestellt, ob wir nicht eine Tandemgruppe für Blinde einrichten könnten. Noch am selben Tage wurde die Gründung beschlossen und von der Gottesdienstkollekte, die für die Blindenarbeit bestimmt war, 4 Tandems angeschafft. Inzwischen ist die Tandemgruppe recht groß geworden, und wir sind froh, dass wir einen Kreis von Piloten haben, der die Ausfahrten und auch die jährlichen Tandemwochen ermöglicht. In den letzten Jahren kam noch eine Aktivität hinzu: Segeln mit Blinden auf dem Ratzeburger See. Diakon Reiner Nissen, der Beauftragte für die Blindenseelsorge in der Nordelbischen Kirche, hat uns die Möglichkeit gegeben, uns an den 10tägigen Segelfreizeiten zu beteiligen. Und dann ist noch zu berichten, dass wir mit den Blinden einmal im Jahr eine Ausfahrt mit Motorrädern unternehmen. Besonders Mitglieder der ACM Lübeck haben sich neben anderen Motorradfahrern für diese Aktion zur Verfügung gestellt. Im letzten Jahr feierten wir mit Blinden und Sehenden ein "Fest der Sinne". Vor allem Blinde gestalteten den Gottesdienst. Anschließend waren wir bei Musik und Spiel noch lange zusammen. In dieser Schrift ist auch darüber Einiges zu lesen. In jedem Jahr veranstalten wir während der Sommerferien im Rahmen der Aktion "Ferienpass" des Jugendamtes der Hansestadt Lübeck einen Nachmittag zum Thema: "Die Welt der Blinden". Es kommen eine ganze Reihe Mädchen und Jungen im Alter von 11 - 14 Jahren und sind mit Eifer dabei, die Welt der Blinden zu verstehen. Dabei berichtet ein blindes Mitglied unserer Tandemgruppe von ihren Erfahrungen. Ihren Führhund Varo bringt sie auch mit, und bald wird er zum Mittelpunkt der Veranstaltung.
Mein besonderes Interesse gilt der Darstellung unserer Arbeit im Internet. Dieses neue Medium entdeckte ich vor fünf Jahren durch zwei Jungens, die ich kurz zuvor konfirmiert hatte. Sie standen eines Tages vor meiner Haustür und meinten, die St. Gertrud-Gemeinde sollte eine eigene Homepage haben, mit der sie sich der Öffentlichkeit präsentiert, und sie boten gleich an, dabei zu helfen. Das haben sie auch nach Kräften getan und so entstanden anerkannte Webseiten über die Gemeinde- und Blindenarbeit, damals die ersten im Kirchenkreis Lübeck. Unter der Adresse http://www.st-gertrud.de kann man nachlesen, wie vielseitig das Leben in unserer Gemeinde ist. Dadurch habe ich auch Pfarrer Manfred Günther kennen gelernt. Er arbeitet in zwei Dorfgemeinden im Vogelsberg in Hessen und ist ebenfalls an kirchlicher Internetarbeit interessiert. Ein umfangreiches Archiv von eigenen Predigten stellt er den Lesern zur Verfügung. Vor allem aber ist er der Verfasser wunderschöner geistlicher Gedichte und Lieder, die auch in Buchform erschienen sind und die ich häufig in meinen Predigten zitiere. Ich hatte die Freude und Ehre, für eines seiner Bücher das Vorwort zu schreiben. Nun geht unser berufliches Leben in der St. Gertrud-Gemeinde dem Ende entgegen. Die noch bleibende Zeit wird vor allem dazu benötigt, zusammen mit dem Kirchenvorstand und der Leitung des Kirchenkreises über die zukünftige Struktur unserer Gemeinde zu beraten. Ich fände es gut, wenn die Blindenarbeit weiterhin Bestandteil der Gemeindearbeit sein könnte. St. Gertrud hat ja gerade durch diese diakonische Aktivität ein besonderes Profil gewonnen. Wir möchten auch im Ruhestand gern in Lübeck bleiben, weil wir hier so viele Jahre gelebt und eine ganze Reihe lieber Menschen kennen gelernt und gute Freunde gefunden haben. Insgesamt können wir in großer Dankbarkeit zurückblicken. Das lässt uns auch in Zuversicht und Vertrauen nach vorn schauen im Blick auf das persönliche Ergehen und das unserer Gemeinde, der wir immer verbunden sein werden und der wir auch für die kommenden Zeiten Gottes treues Geleit und seinen Segen wünschen.
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