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Ansprache von Pastor Krüger am 30.6.02 die wegen der vorangeschrittenen Zeit nicht gehalten werden konnte. 100 Jahre St. Gertrud-Gemeinde. Ein Grund zur Freude, zur Dankbarkeit und zum Feiern. Das wollen wir heute tun, und dazu laden wir Sie ein. Was wird aus den hinter uns liegenden Jahren in Erinnerung bleiben? In unserer Jubiläumsschrift werden Sie dazu Antworten finden. Ich persönlich glaube, dass es 2 Pastoren gewesen sind, die das Gesicht dieser Gemeinde in besonderer Weise geprägt haben: Pastor Evers, der spätere Senior und Pastor Dr. Horst Scheunemann, mein Vorgänger im Amt, der 40 Jahre in der St. Gertrud-Gemeinde gewirkt hat. Pastor Evers, nach meiner Einschätzung ein Theologe liberaler Art, um die Jahrhundertwende häufig anzutreffen, was auch die Fensterbilder unserer Kirche zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig von hohem sozialem und diakonischem Anspruch getrieben. Ein Patriarch, hoch angesehen in der Lübecker Bevölkerung und verehrt von den Mitgliedern seiner Gemeinden, denen er gedient hat. Er hat die Gemeinde gegründet, den Bau der Kirche bewirkt und damit unauslöschliche Spuren im Leben der St. Gertrud-Gemeinde hinterlassen. In der Festschrift hat sein Enkel Prof. Dr. Gerhard Priesemann einen aufschlussreichen und liebenswerten Aufsatz zum bleibenden Andenken an seine Persönlichkeit beigetragen Der zweite Pastor, der in unserer Gemeinde in einer Weise gewirkt hat, die sich tief in das Gedächtnis vieler Menschen eingegraben hat, ist mein Vorgänger im Amt Pastor Dr. Horst Scheunemann. Er amtierte von 1933 - 1973. Sein Sohn Torsten als einziges in Lübeck lebendes Kind, hat in unserer Jubiläumsschrift einen schönen und bewegenden Aufsatz über seine Eltern geschrieben. Er ist heute unter uns als Posaunenbläser, und ich freue mich sehr, dass er da ist und damit die Verbindung der heutigen Gemeinde zu der seiner Eltern herstellt. Aber auch viele andere Mitglieder unserer Gemeinde haben aus Ihrem Erleben und der Begegnung mit Pastor Scheunemann und seiner Frau Segen erfahren und das in unserer Jubiläumsschrift dokumentiert. Ich selber bin nun auch schon mit meiner Frau 29 Jahre in St. Gertrud tätig. Ob wir bleibende Spuren hinterlassen, werden die nachfolgenden Generationen beurteilen. Jedenfalls haben wir immer das Empfinden gehabt, in einer besonderen Gemeinde zu leben. Einer Gemeinde, geprägt von geistlichen und kulturellen Verschiedenheiten, einer Gemeinde aber vor allem mit Menschen, die bereit sind zu hingebungsvollem und aufopfernden Tun, Menschen, die von Christus ergriffen sind und bereit sind, ihr Leben ihm anzuvertrauen und daraus Hoffnung, Zuversicht und Kraft zum Dienst an den Mitmenschen zu schöpfen. Ich hoffe, dass aus meiner Amtszeit 3 Dinge in Erinnerung bleiben werden. 1. Die Überwindung der Trennung der beiden Pfarrbezirke. Damit wurde eine Wunde geheilt, die uns lange geschmerzt hat: Der konservativ-liberale 1. Bezirk und der konservativ-evangelikale 2. Bezirk, die oft gegeneinander standen, wurden zusammenführt. Was sind wir jetzt? Eine evangelische Gemeinde mit offenem Wesen, die ihre konservative, biblisch orientierte, pietistisch geprägte Herkunft nicht vergessen hat und fröhlich ihren Glauben lebt und gegründet auf ihre geistlichen Erfahrung getrost der Zukunft ins Auge blickt. 2. Das Zweite ist die neugewonnene diakonische Dimension durch die Blindenarbeit. Das hat unserer Gemeinde Schwung gegeben. Viele Gemeindeglieder haben dadurch neue Aufgaben bekommen, und sie haben sie gerne und mit Freude übernommen. Für die blinden Menschen mag es ein Segen sein, wenn sie Ansprache, Hilfe und Gemeinschaft durch unsere Gemeinde erfahren, aber für St. Gertrud ist es ein Glück, diesen Dienst tun zu dürfen. Wie könnte christliches Leben besser dargestellt werden, als durch diese Aktivitäten in der Blindenarbeit. 3. Und das Dritte ist das musikalische Leben in unserer Gemeinde. Treue Mitglieder im Gemeindechor, engagierte Bläserinnen und Bläser im Posaunenchor, ein fester Stamm von Sängerinnen im Singkreis, ein gutes musikalisches Team rund um unseren Kirchenmusiker Günther Pods, das sind die Grundpfeiler für Musik in den Gottesdiensten von St. Gertrud, die viele Menschen anziehen. Viele von Ihnen wissen es: Unsere Zeit in St. Gertrud geht dem Ende entgegen. Im nächsten Jahr werden wir mit dem Kirchenvorstand und dem Kirchenkreis beraten, welche Struktur der Gemeinde gegeben werden soll. Dass die Blindenarbeit hier bleiben möchte, ist mein sicher allen verständlicher Wunsch. In unserer Jubiläumsschrift wird es häufiger angedeutet und das zu Recht: Dass mit dem Tag, an dem wir uns aus der Gemeinde verabschieden, sicher wieder ein Umbruch stattfinden wird. Aber ich bin sehr zuversichtlich: Gott hat sich sicher schon jetzt jemanden ausgesucht, der der St. Gertrud Gemeinde in Predigt, Seelsorge, Unterricht und allen weiteren Aufgaben dienen wird. Meine Frau und ich haben immer das Gefühl gehabt, dass diese Gemeinde eine ganz besondere und von Gott auch besonders gesegnete ist. Er wird ihr weiterhin in Treue und Geduld sein Geleit geben, damit sie den Menschen, die ihr anvertraut sind, in seinem Name diene und zu seiner Ehre lebe.
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