Festschrift zur 100 Jahr-Feier 2010

 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit

 

Hebr 13,8

 

Dieses Bibelwort war der Predigttext der allerersten Predigt in unserer St. Gertrud-Kirche, die Senior Evers zur Einweihung der Kirche im Festgottesdienst am 26. Juni 1910 hielt.

Diese kleine Schrift, möchte sie mit hinein nehmen in die Geschichte der St. Gertrud-Kirche.  Zu Wort kommen Originalzeugnisse aus vergangener Zeit, die unkommentiert stehen gelassen werden, damit Sie selbst sich umso besser einen eigenen Gesamteindruck verschaffen können von der Geschichte und Bedeutung dieser Kirche. 100 Jahre sind für einen Kirchenbau im Vergleich mit wesentlich älteren Geschwisterbauten in unmittelbarer Nähe natürlich keine große Sache, aber für diesen, damals neu entstehenden Lübecker Stadtteil ist der Bau der St. Gertrudkirche dennoch ein ganz wichtiger Schritt gewesen, der es verdient, auch heute noch erinnert zu werden.

Sie finden in der Schrift vier Texte vor:

 

  1. Die Original-Festschrift von 1910; herausgegeben vom Kirchenvorstand
  2. Kirchenmeister Karl Tappe zur Wiederbeschaffung neuer Glocken
  3. Einen Artikel von Pastor Dr. Scheunemann zur Erneuerung des Altarraums 1963
  4. Einen Text von Orgelbaumeister Walcker-Mayer zur Orgelrestaurierung 1980

 

Auch nach dem Jahr 1980, seit der Orgelrestaurierung, sind weitere Maßnahmen zum Erhalt und zur Unterhaltung der Kirche erfolgt. So wurde ein barrierefreier Zugang zur Sakristeitür auf der Südseite verwirklicht und es wurde mit viel Aufwand nicht nur der Turm (2005) sondern von 2008 bis 2009 auch die alte Dampfheizung durch eine moderne Gas-Heizung mit Brennwerttechnik ersetzt. Im Zuge dieser Maßnahme wurden 24 der 28 unteren Sitzbänke auf ein Holzpodest gesetzt, um die Bänke so zielgerichtet und energiesparend mit Wärme versorgen zu können. Ganz im Sinne des Klimaschutzes kann so die von den Besuchern empfundene Raumtemperatur ca. 2 Grad über der tatsächlichen Raumtemperatur liegen.

 

30 Jahre sind seit der letzten Orgelsanierung vergangen. Leider ist das auch der Zeitrahmen, der die ungefähre Lebensdauer vieler im folgenden Text beschriebenen Kleinteile der Orgel  bedeutet.

 

Wir stehen also heute, 2010, wieder vor einer notwendigen, umfassenden Orgelrestaurierung. Nach einem ebenso umfangreichen Beratungsprozess, wie er schon vor 1980 stattgefunden hatte, sind alle Fachleute (2009 fand ein großes öffentliches Orgelsymposion in St. Gertrud statt) sich jetzt einig: die Orgel sollte wieder originalgetreu zurückgeführt werden zu ihren Anfängen! Der alte Originalbestand ist vollständig vorhanden, selbst der alte pneumatische Spieltisch steht zur Verfügung – man braucht also nur die alte pneumatische Traktur wiederherstellen und hätte damit in Lübeck wieder eines der wenigen echten Stil-Instrumente in Reinform!

Der Kirchenvorstand hat sich diesen Gedanken  angeschlossen, legt aber Wert auf eine moderne Lösung, d.h., zuschaltbare zusätzliche Register, wie 1980 verwirklicht, sollten in verbesserter Form, egal ob pneumatisch oder elektronisch angesteuert, mit integriert werden.

St. Gertrud hat schon, wie man lesen kann, vor uns erfolgreich mit Hilfe der Gemeindeglieder ihre ehrgeizigen Projekte verwirklichen können. 14.000 Euro sind bis heute schon auf unserem Orgelspendenkonto eingegangen. Um den Erhalt unserer St. Gertrudkirche samt Inventar in Zukunft noch besser gewährleisten zu können, werden wir demnächst einen gemeinnützigen Kirchbauverein ins Leben rufen, der auch die Orgelsanierung mit unterstützen wird.

 

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit! Hebr 13,8

Mit der Auswahl dieses Bibelwortes haben die vor uns treffend benannt, was St. Gertrud nützen und was ihr schaden kann. Entfernt sich die Gemeinde von ihrer Mitte, die Jesus Christus selber ist, wird sie Schaden nehmen, vielleicht sogar untergehen. Versammelt sie sich weiter um diese Mitte, darf sie auf alles hoffen und wird leben.

Im Namen des Kirchenvorstands grüßt sie herzlich

 

 

 

 

Erik Asmussen, Pastor

an St. Gertrud seit 2006

 

 

 

Die St. Gertrud-Kirche

Zu Lübeck

 

Festschrift zur Einweihung der Kirche am Sonntag,

26. Juni 1910

 

  1. Zur Geschichte der Kirche

 

Im Oktober des Jahres 1899 erschien zum ersten Male in den Lübeckischen Tagesblättern ein Aufruf, welcher um Beiträge zum

Bau einer Kirche in St. Gertrud

bat. Der Aufruf war unterzeichnet von einem geschäftsführenden Ausschuß, dem außer dem Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. A. Brehmer 8 weitere Mitglieder angehörten, sowie von 67 Bewohnern der Vorstadt St. Gertrud.

   Nach längeren Verhandlungen zwischen dem Kirchenrate und dem Vorstande der St. Jakobi-Kirchengemeinde, sowie zwischen dem Kirchenrate und der Synode wurde am 4. April 1902 ein Kirchengesetz erlassen betreffend „Bestimmungen über die Teilung der St. Jakobi-Kirchengemeinde und Bildung einer St. Gertrud-Kirchengemeinde“. Im Altarraum der St. Jakobi-Kirche wurde am 27. Mai 1902 erstmalig der Vorstand der neugebildeten St. Gertrud-Kirchengemeinde gewählt. Am 1. April 1903 trat der bisherige zweite Geistliche der St. Jakobi-Kirche zur St. Gertrud-Kirche als deren Pastor über; an demselben Tage begann die besondere Kirchenbuchführung für die neue Gemeinde.

   Um auf dem westlichen Abhange des Heiligengeist-Kampes das Gelände für die zu erbauende Kirche herzurichten und geeignete Zuwegungen zum Kirchbauplatz zu schaffen, wurde durch Rat- und Bürgerschluß vom 18. Juli 1904 der bisherige Bebauungsplan für die Vorstadt St. Gertrud abgeändert und die Herstellung der in Betracht kommenden Straßen beschlossen. Den Platz für die Kirche und für die Anlagen um die Kirche her, ferner auch das zum Ausbau der Zufahrtstraßen erforderliche Areal trat die Vorsteherschaft des Heiligengeist-Hospitals teils an die St. Gertrud-Kirchengemeinde, teils an die Baudeputation unentgeldlich ab, nachdem sie dazu durch einen weiteren Rat- und Bürgerbeschluß vom 2. Dezember 1907 ermächtigt worden war.

   Am 11. Januar 1908 stellte der Kirchenvorstand, von dem sachverständigen Beirat des Baudirektors Baltzer unterstützt, ein Bauprogramm für die Kirche und das an diese sich anschließende Pfarrhaus auf. Am 21. Januar wurde dem Vorstand zur Ausschreibung eines engeren Wettbewerbs zur Erlangung von Plänen für den Bau die Summe von M 6000 aus dem verfügbaren Fonds der allgemeinen Kirchenkasse durch Kirchenrat und Synode bewilligt. Demnächst forderte der Vorstand drei im Kirchenbau bereits erfahrene und bewährte Architekten bzw. Architektenfirmen zur Beteiligung an diesem Wettbewerb auf. Das zur Beurteilung der eingegangenen Entwürfe gebildete, aus fünf Mitgliedern bestehende Preisgericht erkannte am 15. Juni 1908 dem Entwurfe der Architekten Jürgensen & Bachmann zu Charlottenburg einstimmig den ersten Preis zu. Dieser Entwurf wurde mit einigen teils vom Preisgericht angeregten, teils  vom Kirchenvorstand gewünschten Abänderungen zur Ausführung bestimmt.

   Durch gemeinsamen Beschluß vom 26. Februar 1909 gewährten Kirchenrat und Synode der St. Gertrud-Kirchengemeinde zum Bau der Kirche nebst Pfarrhaus und Konfirmandensaal, sowie zur Herstellung einer Wegeverbindung zwischen der Curtiusstraße und der Roeckstraße eine Beihilfe von M 124 500 aus der allgemeinen Kirchenkasse und beschlossen zugleich, für Verzinsung und Tilgung einer zum gleichen Zwecke von der St. Gertrud-Kirchengemeinde aufzunehmenden Kirchbau-Anleihe im Betrag von M 100 000 die Sicherheit zu übernehmen.

 

   Nachdem die Bauarbeiten vergeben waren, wurde alsbald mit dem Bau selbst angefangen; am  23. April 1909 wurden die Ausschachtungsarbeiten, am 5. Mai die Fundamentierungen und Betonarbeiten begonnen. Von der Feier einer Grundsteinlegung hatte der Kirchenvorstand Abstand genommen; wohl aber versammelten sich die Kirchenvorsteher am 12. Juni 1909, nachdem das Mauerwerk sich bereits soweit aus der Erde erhoben hatte, daß man die Grundrisse des starken Turmbaues übersehen konnte, auf dem Bauplatze, um eine Kapsel in die Grundmauer des Turmes vermauern zu lassen. Die Kapsel enthielt eine Urkunde über die Vorgeschichte des Baues, eine Beschreibung desselben, Zeichnungen und Grundrisse, Geldmünzen mit dem lübeckischen Wappen und Tageszeitungen.

 

   Während der nächsten Monate wurde dann der Bau schnell gefördert, so daß am 14. September 1909 die Richtfeier des Kirchgebäudes stattfinden konnte. Kurz vorher, am 2. September, waren auf dem Werkplatz der hiesigen Glockengießerfirma M. & O. Ohlson die für die Kirche bestimmten Glocken gegossen worden.

 

   Nunmehr soll – will’s Gott – am 5. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juni 1910, das fertiggestellte Gotteshaus feierlich geweiht und dem Gebrauche übergeben werden.

 

II. Der künstlerische Schmuck der St. Gertrud-Kirche.

Übersicht:

  1. Die Eingangstür.
  2. Kanzel und Altar.
  3. Die bunten Fenster.
  4. Kapitäle und Gurtbögen.
  5. Gemälde.
  6. Die Orgel.
  7. Die Glocken.

 

  1. Die Eingangstür.

   Das Hauptportal der St. Gertrud-Kirche befindet sich an der Westfront der Kirche neben dem Turm. Es führt in die nördlich an den Turm angebaute Eingangshalle hinein. Über der mit Kupferplatten beschlagenen Tür zeigt das mit einem flachen Rundbogen überspannte Giebelfeld ein Bildnis des Reformators unserer evangelisch-lutherischen Kirche, Dr. Martin Luther. Das Reliefbild, an Ort und Stelle aus dem Muschelkalkstein herausgehauen, stellt den Reformator in mittleren Jahren dar. Dem Lutherbildnis flach vorgelagert erscheinen die vier Sinnbilder der Evangelisten: Mensch, Löwe, Ochs und Adler.

 

   Die zwölf hervortretenden Bossen zu beiden Seiten der Eingangstür sind teils mit Rosetten, teils mit Ornamenten geschmückt: Ranke, Mäanderband, Raute usw. Fast kein Ornament gleicht dem andern; die Manigfaltigkeit der Verzierungen bezeugt den Reichtum künstlerischer Gestaltungskraft und wirkt überaus anmutig.

 

  1. Altar und Kanzel

 

   Aus der Eingangshalle treten wir durch die Vorhalle in das Innere der Kirche. Den architektonischen Mittelpunkt des ganzen Innern bildet die Kanzelwand mit dem vorgelagerten Altar. Beides, Kanzel und Altar, aus Enviller Muschelkalkstein gefertigt, sind zum Andenken an Frau Konsul Auguste Müller geb. Gütschow von ihrem Sohne gestiftet. Die Kanzel hat vorn und an beiden Seiten Reliefs als bildlichen Schmuck erhalten; vorn die Stiftung des Abendmahls; zur Linken die Gethsemanestunde; zur Rechten die Kreuztragung.

Unter der Kanzel, karyatidenartig gebildet, tragen kniende Engel das Gebälk; das in ihren Händen befindliche Brot ist mit dem Monogramm Christi bezeichnet. Hoch oben, über der Kanzel, ist in der Kartusche des Giebelfeldes das in der altchristlichen Kunst vielfach gebräuchliche Symbol, ein Lamm mit der Siegesfahne, abgebildet. Zu beiden Seiten des Giebelfeldes, die Voluten abschließend, sitzen Engel, von denen der links vom Beschauer zu sehende einen Kelch, der rechts zu sehende ein flammendes Herz in Händen hat: Symbole des Glaubens und der Liebe: Die hinter dem Kanzel- und Altarbau gelegene östliche Rückwand ziert ein einfaches Teppichmuster, das wirkungsvoll den Hintergrund bildet und den weißgelblichen Muschelkalk gut hervortreten lässt. Der ganze Altarraum, sowie die Altarstufen sind mit Solenhofener Fliesen belegt.

 

3. Die bunten Glasfenster

 

Im Innern der Kirche werden neben der Altar- und Kanzelwand, als dem Hauptstück des ganzen Raums, zweifellos die bunten Glasfenster am meisten und unwillkürlich das Auge des  Beschauers auf sich lenken. Abgesehen von dem Rundfenster in der Ostwand des Gotteshauses, welches in seiner ganzen Ausdehnung mit figürlichem Schmuck versehen worden ist, ist die Anordnung bei den bunten Fenstern so getroffen, dass nur einige Scheiben der Fenster mit figürlichen Darstellungen geschmückt, dass dagegen die anderen Scheiben mit farbigem, aber lichtdurchlässigem Glase verglast sind; bunte Lichtreflexe auf Pfeilern, Gestühl und Wänden paaren sich so mit Helligkeit im Innern des Kirchraums. Am Rande sind sämtliche Fenster mit Ornamenten umrahmt. Die lichtgrüne Farbe derselben hebt sich wirkungsvoll von dem etwas dunkleren Farbenton der Fensterwölbungen und Mauern ab.

 

Kirchenvorstehen und Gemeindemitglieder haben der Kirchengemeinde zur bunten Verglasung der Fenster die Mittel dargeboten; Entwürfe und Zeichnungen zu den Fenstern stammen von der Hand des Kunstmalers Albert Klingner in Charlottenburg.

 

a)      Die Vorhalle

 

Aus der bereits erwähnten Eingangshalle führt eine Tür in die Vorhalle der Kirche, welche an der westlichen Seite der Kirche das ganze Erdgeschoß des Turmes ausfüllt und mit einem Tonnengewölbe überdeckt ist. Die vier Fenster der Vorhalle sind im ganzen einfach gehalten, der Bedeutung des Raumes als einer Vorhalle entsprechend. Nur einzelne kleinere Scheiben sind hier mit Engelsfigürchen, sog. Putten, geschmückt. Die Engel halten Nägel, Kreuz und Dornenkrone und deuten damit den Tod des Erlösers an. gerade durch diesen einfachen Schmuck der Fenster der Vorhalle, die von der Malerei der Decke und der Wände genügend belebt wird, wirkt die Vorhalle trefflich und lässt um so mehr den Hauptinnenraum der Kirche zur Geltung kommen. Die Fenster, welche die Vorhalle von diesem Hauptraum des Gotteshauses trennen, sind selbstverständlich ohne bunten Schmuck geblieben.

 

b)     Das Rundfenster an der Ostwand.

 

Im Innenraum der Kirche fällt naturgemäß der Blick zunächst auf das Rundfenster, das über dem Altar und der Kanzel von der Rückwand der Kirche den Beschauer begrüßt. Es ist, wie es sich für diese Stätte allein geziemte, mit dem Bild des Gekreuzigten geschmückt worden. Das „Wort vom Kreuz“ (1 Kor 1,18), die Predigt von dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, steht im Mittelpunkt aller evangelischen Verkündigung. Die zu beiden Seiten am Fuße des Kreuzes zu lesenden griechischen Buchstaben A und O erinnern an das Wort Off. Joh 1,8: “Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende“, A ist der Anfangs-, O der Endbuchstabe des griechischen Alphabets.

c)      Die Prophetenfenster 

 

Während das Rundfenster über dem Altar den Mittelpunkt neutestamentlicher Verkündigung uns vor Augen stellt, sollen die drei größeren dem Altar und der Kanzel gegenüber über der Westempore liegenden Fenster die alttestamentliche Weissagung, die Zeit der sogenannten vorbereitenden Offenbarung im israelitischen Volke, ins Gedächtnis rufen. Drei der großen Prophetengestalten Israels sind hier zur Darstellung gekommen: Elias, Jeremias und Jesaias. Elias, der Gottesheld vom Karmel und vom Horeb, den die Raben am Bache Krith gespeist haben; Jeremias, der Mann voll Seelenstärke und Mannesmut, der Prophet der Zerstörung Jerusalems; ihn umringen die Flammen der brennenden Stadt; Jesaias, der „Evangelist“ unter den Propheten, wie man ihn treffend genannt hat, der Verkündiger der kommenden Erlösung; die Lichtstrahlen um sein Bild erinnern an die Weihnachtsweissagung (Jes 9,1): „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein großes Licht“.

 

d)     Die Gleichnisfenster

 

 

In den Evangelien des Neuen Testaments nehmen die Gleichnisse des Heilandes einen breiten Raum ein, die Jesus zumeist auf dem Höhepunkt seiner Wirksamkeit im iraelitischen Volk gesprochen hat. Aus diesen Gleichnissen den Stoff für weitere figürliche Darstellungen zu entnehmen, lag umso näher, als gerade die Gleichnisse die anschaulichsten Bilder und Geschichten darbieten. So sind denn in den sechs großen über den Emporen liegenden Seitenfenstern der Kirche, den Hauptlichtquellen des ganzen Kircheninnern, sechs der bekanntesten Gleichnisse zur Darstellung gebracht. Die beiden Fenster der Nordseite zeigen den Säemann (Luc. 8, 4-13) und die Weinbergsarbeiter (Mat. 20, 1-16); die vier Fenster der Südseite stellen das große Abendmahl (Luc. 14, 16-24), den verlorenen Sohn (Luc. 15, 11-32), den barmherzigen Samariter (Luc. 10, 25-37) und den armen Lazarus (Luc. 16, 19-31) dar. Sinnreich gewählte Bibelworte deuten in den Unterschriften auf den Hauptinhalt der Gleichnisse hin. So findet sich z.B. unter dem letztgenannten Bilde als Unterschrift das Wort Psalm 126, 5: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“.

 

e)      Die Fenster unter den Emporen.

 

Für die Glasbilder der Fenster unter den Emporen sind auf den Vorschlag des Kunstmalers A. Klingner 16 historische Charakterköpfe gewählt worden. Nachdem die Propheten- und die Gleichnisfenster gleichsam die alt- und die neutestamentliche Heilsgeschichte zur bildlichen Darstellung gebracht haben, kommt in diesen historischen Charakterköpfen die Kirchengeschichte zu Wort. Die Köpfe sind so gewählt, daß immer je zwei ein Paar bilden.

 

Wir beginnen mit der Südseite der Kirche. Hier bringen zunächst zwei Bilderpaare den Zusammenhang unserer evangelischen Kirche mit der alten christlichen Kirche zum Ausdruck.

In Petrus und Paulus tritt uns das apostolische Zeitalter der christlichen Kirche entgegen: Petrus, einer der drei vertrautesten Jünger des Heilands, der Mund der Apostel am Pfingsttage, dem Gründungstage der christlichen Kirche, der hervorragendste  Bekenner des Evangeliums im israelitischen Volke, und Paulus, der große Heidenapostel, der Verfasser der meisten neutestamentlichen Briefe, der das Christentum auf den Boden Europas verpflanzt hat.

 

Das dritte Bild stellt einen Bekenner aus der Zeit der großen Christenverfolgungen dar, den Märtyrer Polycarp. Polycarp ist, 86 Jahre alt, als Bischof von Smyrna im Jahre 153 n. Chr. Dem Tode in den Flammen des Scheiterhaufens übergeben. Kurz vor seinem Tode zum Widerruf der christlichen Lehre aufgefordert, soll er die Worte gesprochen haben: „86 Jahre hindurch habe ich meinem Heiland treu gedient, und sollte ihn nun verleugnen?“

   Eine andere, spätere Zeit der christlichen Kirchengeschichte ruft uns das vierte Bild ins Gedächtnis: die Zeit der Ausbreitung des Christentums im Norden und Osten Europas im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr.  Unter den Missionaren dieser Tage ragt Ansgar hervor, der Bekehrer des deutschen Nordens. Etwa ein Jahrhundert nach Bonifazius lebend, hat er das von diesem im Westen und Süden Deutschlands begonnene Werk der Christianisierung Deutschlands in unseren Gegenden nördlich der Elbe fortgeführt; er darf als der Apostel Schleswig-Holsteins und Dänemarks bezeichnet werden. Als Jüngling von glühender Begeisterung für seine Aufgabe erfüllt, ist er vom Kloster Corvei an der Weser aus zu seiner ersten Missionsreise ausgezogen. Als Erzbischof von Hamburg und Bremen ist er im Jahre 861 n. Chr. in Bremen gestorben.

 

Die beiden folgenden Bilderpaare vertreten das gerade für unsere evangelische Kirche so bedeutungsvolle Zeitalter der Reformation. Zunächst ein Bild des Vorreformators Joh. Hus (geb. 1369, seit 1398 Professor der Philosophie in Prag, 1402 Prediger an der Bethlehemkapelle daselbst), welcher wegen seiner klaren evangelischen Lehre und seines Widerspruchs gegen die herrschende Kirche während des Kostnitzer Konzils (1414-1418) am 14. Juli 1415 den Tod auf dem Scheiterhaufen erlitt. Dann der Reformator unserer Kirche Martin Luther, der religiöse Erneuerer, der Befreier Deutschlands vom Joche des Papsttums, der Begründer einer neuen Kultur, der unserem Volke mit der Bibelübersetzung das deutsche Bibelbuch in die Hand gegeben hat. Ferner seine beiden Gehilfen Philipp Melanchthon und Johannes Bugenhagen. Während Melanchthon, der feinsinnige Gelehrte, der wegen seiner rastlosen Arbeit zur Besserung der Schulen, höherer und niederer, den ehrenden Beinamen „Praeceptor Germaniae“ erhalten hat, für das ganze Gebiet der deutschen Reformation Bedeutung hat, ist Bugenhagen im besonderen der Reformator Lübecks gewesen; er hat sich vom Oktober 1530 bis zum April 1532 in Lübeck aufgehalten und hat hier die kirchlichen Verhältnisse neu geordnet; die von ihm verfasste und von ihm herausgegebene „Lübeckische Kirchenordnung“ ist Jahrhunderte hindurch die Grundlage unseres Verfassungslebens gewesen.

 

Wir wenden uns nunmehr den Bildern der Nordseite der Kirche zu. Sie stellen historische Charakterköpfe aus der späteren Zeit der deutschen evangelischen Kirchengeschichte dar. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist der Schwedenkönig Gustav Adolf, der politische Vorkämpfer und Erretter des Protestantismus während der Zeit des 30 jährigen Krieges, besonders hervorgetreten. Er fiel 37 Jahre alt, auf dem Schlachtfelde von Lützen 1632. Nach ihm benennt sich der evangelische Verein der Gustav-Adolf-Stiftung, welcher, schon vor fast 80 Jahren gegründet und in größtem Segen wirkend, die Unterstützung evangelischer Gemeinden in der Diaspora auf seine Fahne geschrieben hat.

 

Dann folgt ein Bildnis Frankes. August Hermann Franke, geb. zu Lübeck am 22. März 1663 ist um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts einer der einflussreichsten protestantischen Theologen gewesen. Er war mit dem frommen Probst Spener in Berlin zusammen der Vorkämpfer des mit der Orthodoxie jener Tage in Widerstreit liegenden Piestismus, der Vertreter einer rechten Herzensfrömmigkeit; er hat als Begründer des berühmten halleschen Waisenhauses zugleich auch auf dem Gebiet der praktisch-kirchlichen Arbeit Hervorragendes geleistet. Er starb 1727.

 

Das dritte Bild stellt den Königsberger Philosophen Immanuel Kant dar. Kant (1724-1804) war ein durch und durch protestantischer Denker, der, wie auf das gesamte Geistesleben des deutschen Volkes, so auch auf die Theologie der ihm folgenden Zeit einen bis heute nachwirkenden Einfluß ausgeübt hat. Man hat ihn wohl gelegentlich den „Philosophen des Protestantismus“ genannt. Wer die Grundgedanken der Kantschen Philosophie kennen lernen will, der lese Schillers Gedicht „Die Worte des Glaubens“, ein Gedicht, das jene Grundgedanken in edler, volkstümlicher Form zum geistigen Gemeinbesitz unseres Volkes gemacht hat. Mit größter Geistesschärfe verband Kant aufrichtige Frömmigkeit; an einen mit ihm befreundeten Geistlichen in Paris schrieb er gelegentlich: „Die Bibel ist mein edelster Schatz, ohne den ich elend wäre“.

 

Der vierte in der Reihe ist Ernst Moritz Arndt, 1769-1860, der echt deutsche Mann, der glaubenweckende Mann der Freiheitskriege. Seine Lieder, die ebenso sehr von glühender Vaterlandsliebe beseelt, als von tiefer Frömmigkeit durchhaucht sind, sollen in Deutschland unvergessen bleiben; ihm verdanken wir z. B. das Weihnachtslied „Du lieber, frommer, heilger Christ“, das Abendmahlslied „Kommt her, ihr seid geladen“, das Vaterlandslied „Wer ist ein Mann? Der beten kann und Gott dem Herrn vertraut“ usw.

 

Die letzten zwei Bilderpaare liegen etwas mehr zurück im nördlichen Querbau unter der Orgelempore. Hier begrüßen zunächst Schleiermacher und Wichern die Beschauer. Friedrich Schleiermacher (1768-1834) wurde vor gerade 100 Jahren (1810) an die damals neubegründete Universitäten zu Berlin als Professor der Philosophie berufen; er hat dann bis an seinen Tod als Universitätslehrer sowohl, wie als Prediger an der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin eine tiefgreifende Wirksamkeit geübt; er wird von allen in der evangelischen Kirche und Theologie vertretenen Richtungen als der größte Theologe des 19. Jahrhunderts anerkannt und verehrt. Seine schon 1800 erschienenen „Reden über die Religion“ werden noch heutigen Tages viel gelesen. Neben Schleiermacher, dem Bahnbrecher auf dem Gebiet wissenschaftlich-theologischer Forschung, der Bahnbrecher auf dem Gebiet praktisch-kirchlicher Arbeit im 19. Jahrhundert: Joh. Heinr. Wichern aus Hamburg (1808-1881). Die „Innere Mission“ in Deutschland verdankt Wichern ihren Namen und ihre Bedeutung; er war der Begründer des „Rauhen Hauses“ in Horn bei Hamburg, das vielen anderen Erziehungsanstalten und Rettungshäusern in Deutschland als Muster und Vorbild gedient hat, der erste Organisator des „Roten Kreuzes“, d. i. der Fürsorge für die Pflege Verwundeter im Kriege, und wirkte als langjähriger Dezernet für Gefängniswesen im preußischen Kultusministerium für sittlich-religiöse Hebung der Gefangenen.

 

Hier unter der Orgelempore haben endlich auch die Vertreter des evangelischen Kirchenliedes und der protestantischen Kirchenmusik ihre Stätte gefunden: Paul Gerhardt (1607-1676) und Johann Sebastian Bach (1685-1750). P. Gerhardt und J.S. Bach: beide Namen sind allen evangelischen Deutschen ins Herz geschrieben. Paul Gerhardts Lieder sind längst nicht nur Lieder der Kirche, sondern auch Lieder des christlichen Hauses geworden, und in Bachs gewaltigen Tonschöpfungen haben Kirche und Kunst einen unvergänglichen Bund miteinander geschlossen.

 

  1. Kapitäle und Gurtbögen

 

 Durch die farbigen Lichtreflexe der bunten Fenster werden die Kapitäle und die Gurtbögen wirkungsvoll beleuchtet. Während die Kapitäle der Pfeiler in vielen Gotteshäusern nur mit Ornamenten oder überhaupt nicht besonders verziert sind, ist in der St. Gertrud-Kirche auch für diese Teile des Gebäudes sinnreicher Schmuck gewählt; hier erscheinen bildliche Darstellungen der verschiedenen Stände, die sich in der christlichen Gemeinde zu einer Einheit zusammenschließen, die sich gemeinsam im Gotteshause erbauen und im täglichen Leben auf gemeinsames Handeln angewiesen sind. In einem an die Grafen von Mansfeld gerichteten Schreiben Luthers , dessen Original auf unserer Stadtbibliothek als kostbarer Besitz aufbewahrt wird (vgl. Erlanger Ausgabe der Werke Luthers IV, 4, Seite 27) sagt Luther: „Es bedürft wohl, dass eitel Einigkeit und Liebe wäre zwischen allen Ständen“. Dieser Ausspruch Luthers ist für die Wahl gerade dieses  Schmucks richtunggebend gewesen. Die einzelnen Figuren, an Ort und Stelle aus dem Muschelkalkstein harausgehauen und durch Goldbemalung wirkungsvoll hervorgehoben, stellen den Kaufmann, den Schiffer, den Gelehrten, den Gärtner, den Fischer, den Künstler (Bildhauer), den Maurer, den Schlachter usw. dar.

 

Daß in diesen Figuren das Gewerbe einen verhältnismäßig breiten Raum einnimmt, findet seine natürliche Erklärung darin, dass gerade die Arbeit verschiedener Handwerke dem schaffenden Künstler einen besonders dankbaren Stoff darbot. Ganz nach der Weise alter Kirchbaumeister ist an diesen Kapitälen auch der Humor zu Worte gekommen; man beachte z. B. den eifrig hobelnden Tischler!

 

An die Kapitäle schließen die Gurtbögen sich an, welsche die einzelnen Gewölbejoche des Gebäudes voneinander trennen. Auf dem grauen Putzton, in Gold, Schwarz und Braun gehalten, beleben hier Symbole die schmalen Flächen, die in der altchristlichen Kunst heimisch sind: das Monogramm Christi, die Darstellung der Dreieinigkeit (das Gotteszeichen  I H O V  mit Kreuz und Taube), die Arche, das Kreuzespanier über der Schlange, welcher der Kopf zertreten ist, usw.

 

5. Gemälde

 

Seitens der Vorsteherschaft der Heinrich Gaedertz-Stiftung sind dem Kirchenvorstande zu St. Gertrud als Schmuck der Kirche zwei Gemälde geschenkt worden, welche vorläufig ihren Platz zur Linken und zur Rechten der Kanzelwand gefunden haben. Das eine Bild (Größe 127 x 187 cm) ist ein Originalgemälde des französischen Malers David, es stellt die Auferweckung des Jünglings zu Nain dar. Sein hoher kunstgeschichtlicher Wert wird nur dadurch etwas beeinträchtigt, dass der Kopf des Heilands, der in Kriegsläufen von einem plündernden Soldaten durchstochen sein soll, von der Hand eines Späteren nicht ganz geschickt wiederhergestellt ist. Das andre Bild (Größe 163 x 117 cm) ist eine gute alte Kopie der Verklärung Christi von Raffael. Mit der Schenkung des erstgenannten Bildes

hat die Gaedertz-Stiftung eine bereits von dem sel. Heinr. Gaedertz selbst ausgesprochene Absicht zur Ausführung gebracht, während die Schenkung des zweiten Bildes lediglich dem hochherzigen Beschluß der Vorsteherschaft zu danken ist.

 

6. Die Orgel

 

Die Orgel von der rühmlich bekannten Orgelbaufirma E. F. Walcker & Co. In Ludwigsburg  (Op. 1537) erbaut, ist in dem nördlichen Seitenschiff der Kirche auf der Empore untergebracht. Sie hat zwei Manuale und Pedal, sowie 29 klingende Stimmen; die Hauptteile der Orgel liegen rechts und links vom Spieler; zwischen beiden stellt eine über und vor dem Spieltisch liegende Brücke die Verbindung her. Links vom Spieler, also rechts vom Beschauer, liegt das Pedal; rechts vom Spieler das in den Schwellkasten eingebaute zweite Manual, oben auf der Brücke das erste Manual. Der Spieltisch, an der äußern Kirchenwand gelegen und von dort durch kleine rundbogige Fenster Licht erhaltend, ist mit sämtlichen der Neuzeit entsprechenden Spielhülfen ausgestattet. Die Windbeschaffung für das Werk geschieht durch eine Walckersche Luftschleudermaschine, welche mit einem Elektromotor von 1,5 PS verkuppelt ist.

Die ganze Anordnung der Orgel ist mit Rücksicht darauf erfolgt, das zwischen Spieltisch und der vorderen Emporenbrüstung Platz bleiben sollte für den Knabenchor. Der Leiter des Letzteren hat seinen Standort hart an der Brüstung. Für den dreiteiligen Vorbau der Brüstung bot als passende Inschrift das dreiteilige Psalmwort aus dem 100. Psalm sich dar: „Jauchzet dem Herrn, alle Welt! Dienet dem Herrn mit Freuden! Kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!“ – Über diesem Vorbau wird von der Mitte des inneren Kirchenraumes aus die Obengenannte Orgelbrücke sichtbar, die mit einem dreiteiligen Bilde, einem sogenannten Tripthychon, geschmückt ist, die Weihnachtsgeschichte darstellend: in der Mitte Christi Geburt, zu beiden Seiten die Hirten auf dem Felde und die Weisen aus dem Morgenland. In goldenen Buchstaben leuchtet darunter der Weihnachtsspruch: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ – Dies Weihnachtsbild, in gleicher Höhe liegend wie die zwei früher erwähnten Gleichnisfenster an der Nordseite, bildet gleichsam die Fortsetzung dieser Fenster und fast den künstlerischen Schmuck der Kirche über den Emporen zu geschlossener Einheit zusammen, - Auch für den Bau der Orgel wurde der Kirche ein namhaftes Geschenk überwiesen.

 

7. Die Glocken

Endlich mögen in diesem Zusammenhange auch die von Frau Witwe Lienhöft gestifteten Glocken hinsichtlich ihres Schmucks Erwähnung finden. Jede der drei auf d, e und g abgestimmten Glocken hat, alter kirchlicher Sitte gemäß, einen bestimmten Namen erhalten. Sie heißen Luther- Melanchthon- und Bugenhagen – Glocke. In gotischer Unzialschrift sind auf einer Kartusche die Namen der drei Reformatoren auf den Glocken zu lesen. Ferner wurde, ebenfalls kirchlicher Sitte gemäß, für jede Glocke eine bestimmte Inschrift gewählt. Die Auswahl der als Inschriften geeigneten Worte war mit einer gewissen Schwierigkeit verknüpft, weil die Inschrift um den ganzen Rand der Glocke herumlaufen, also aus einer bestimmten Anzahl von Silben und Buchstaben bestehen sollte, Abkürzung der Worte aber nicht tunlich war. – Es ergab sich, dass das große, durchschlagende Lutherwort gerade die richtige Länge hatte und deshalb für die Lutherglocke gewählt werden konnte: „Ein feste Burg ist unser Gott“. – Melanchthon hat wenige Tage vor seinem Tode auf einem losen Blatt einige Sätze aufgeschrieben, die er selbst bezeichnet hat als „Gedanken, die dich bestimmen sollen, zum Sterben mehr Lust zu haben“. Diese Sätze, die sogenannten „Todesgedanken Melanchthons“, spiegeln den ganzen Melanchthon wieder: den nach Erkenntnis ringenden Gelehrten, den tätigen Reformator, den gläubigen Christen, der auf die Heimfahrt sich rüstet und auf die Herrlichkeit sich freut. Aus diesen „Todesgedanken“ stammt die Inschrift unserer Melanchthon-Glocke: „Du wirst zum Lichte gelangen. Du wirst Gott schauen.“ – Für die Bugenhagen-Glocke endlich bot sich als passende Inschrift ein kurzer Satz aus der früher erwähnten, von Bugenhagen verfassten Lübeckischen Kirchenordnung von 1531 dar, der in plattdeutscher Mundart der damaligen Zeit lautet: „Wy wyllen dem Evangelio unses Herrn Jesu Christi anhangen.“) Buchstabengetreu, also plattdeutsch, umrahmt dieser Satz die kleinste unserer Glocken. Alle 3 Glocken endlich sind auch geschmückt mit dem Namen ihrer Stifterin und des Glockengießers. Möge ihr Geläut jahrhundertelang erklingen und den Bewohnern unserer Vorstadt immer wieder zurufen:

 

Soli Deo Gloria

Allein Gott in der Höh’ sei Ehr!

 

 

 

 

 

Die Schaffung neuer Glocken

 

Im ersten Weltkrieg wurden 1917 die beiden kleineren Glocken beschlagnahmt. Nach vielen Mühen und Opfern der Gemeinde konnten am Sonntag, dem 11. Oktober 1925 zwei neue Glocken gleichen Namens geweiht werden, und das Geläut aller drei Glocken wieder in die Gemeinde rufend hinaus.

 

Zu Beginn des zweiten Weltkrieges wurden die beiden größeren Glocken der Kirche genommen. 1951 wurde St. Gertrud von dem so genannten Hamburger Glockenfriedhof eine passende mittlere Glocke zur Verfügung gestellt und aufgehängt.

 

Am 19. November 1958 war die Weihe der großen bislang noch fehlendenGlocke. Die finanziellen Mittel wurden auch wieder durch Spenden der Gemeindeglieder aufgebracht. Die „Gedächtnisglocke“ von tiefem Klang soll zur betenden Besinnung vor Gott und zum Gedenken an unsere Toten rufen. Sie läutet jeden Sonntag mit den anderen beiden Glocken. Aber allein soll sie einige Male im Jahre, zum Beispiel an den Abenden der Totengedenktage, als Mahnglocke erklingen. (Text: Karl Tappe, Kirchenmeister)

 

Nach Beendigung des ersten Weltkrieges wurde im August 1921 unter der Orgelempore der Kirche eine Gedenkhalle für die Gefallenen der Gemeinde geschaffen.

 

 

 

Zur Neugestaltung des Inneren der St. Gertrud-Kirche

Verfasst von Dr. Scheunemann   Februar 1963

 

Vor gut zwei Jahren feierte die St. Gertrud-Gemeinde das 50jährige Bestehen ihres Gotteshauses. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Reihe von Stimmen laut: „Im Leben geschieht es oft, dass eine Mutter ihre heranwachsenden Töchter mit allem Nötigen versieht und selber mit ihren eigenen Wünschen ganz zurücksteht, bis die groß gewordenen Töchter sagen: Mutter, mit dieser Kleidung kannst du nicht mehr gehen! St. Gertrud hat im Laufe der letzten Jahre einer ganzen Reihe von Tochtergemeinden ihre Gotteshäuser mit ausgestatten helfen. Da sind St. Thomas in Marli, St. Christophorus in Eichholz, St. Stephanus in Karlshof und St. Philippus in Brandenbaum. An der St. Gertrud-Kirche selber wurden nur die notwendigsten Schäden beseitigt.“

Der Chor derer, die da sagten: „Es ist so manches im Kirchenraum, das so nicht mehr geht!“, mehrte sich. Mir, der ich seit 1933 an St. Gertrud Pastor bin und zu einer Zeit hierher kam, als St. Gertrud die modernste und neueste der Lübecker Kirchen war, ging es zuerst so, dass ich, ähnlich wie ein Elternteil bei einem noch guten getragenen Mantel, antwortete: „Meiner Meinung nach geht es immer noch! Warum denn wieder was Neues?“  Aber die anderen sprachen von den vielen kleinen Engeln im Altarraum, die aus der Zeit der Jahrhundertwende stammten, dass solche im Grunde die göttlichen Engelmächte verniedlichten und unglaubhaft machten. Sie sprachen weiter davon, dass der gekreuzigte Christus nur stückweise in dem bisherigen Altarfenster zu sehen wäre, und fragten: Warum eigentlich? Sie sprachen davon, dass der Kanzelaltar den Prediger so weit von der Gemeinde entferne. Und zuletzt  machten sie darauf aufmerksam, dass der Kirchenraum selbst so lichtlos und dunkel wäre, so dass an gewöhnlichen Tagen immer künstliches Licht brennen müsse.

Als diese Stimmen immer lauter wurden, bat der Kirchenvorstand die Hamburger Architekten Sandtmann und Grundmann um eine Beurteilung des Kircheninneren, da beide in der Restaurierung wie in der Umgestaltung gottesdienstlicher Räume große Erfahrungen besaßen. Sie gaben uns nach eingehendem Studium die überraschende Beurteilung, dass der Innenraum vom Standpunkt des modernen Architekten gesehen in seiner Gesamtstruktur sehr gut wäre. Leider aber käme der schöne Raum gar nicht zur seiner Wirkung, weil er besonders durch den beherrschenden Kanzelaltar wie auch durch die Übermalung völlig verbaut erscheine. Auch sei die Art der Beleuchtung völlig unbefriedigend. Sie empfahlen ein großes lichtgebendes Fenster im Altarraum, weiter eine wuchtige Anhebung des ganzen Altarraumes und neben einer hellen Ausmalung eine neuartige Beleuchtung.

Kirchenvorstand und Kirchenleitung konnten sich bei diesen Gedanken der Architekten der Tatsache nicht verschließen, dass durch eine solche Umgestaltung des Inneren der Kirche der Kirchenraum tatsächlich nur gewinnen konnte. Und so begann nach mancherlei Vorverhandlungen im Spätsommer 1962 die geplante Erneuerung.

Wenn jetzt der Umbau fertig ist, wird jeder objektive Besucher der Kirche sagen müssen: Die beiden Hamburger Architekten haben uns hier schon das Rechte geraten. Der neue Innenausbau muß in den wesentlichen Stücken als gelungen bezeichnet werden. Die Kirche ist größer und schöner geworden, als sie vorher war.

Einen bestimmenden Anteil an diesem Eindruck trägt das beherrschende Altarbild des Ahrensburger Glasmalers Assmann. Er hat dieses Bild in dem neuen Werkstoff des Dallglases mit besonders leuchtenden Farben gestaltet. Die Konzeption des Mittelteiles zusammen mit den Seitenteilen ist die Verkündigung des gekreuzigten Christus, der sein Blut für die Sünde der Welt dahingegeben hat. Fürwahr ein grandioses Thema, und dabei außerordentlich eindrucksvoll in Form und Gestaltung bis in die letzten Einzelheiten hinein. Nie zuwenig und nie zuviel. Über diesem Mittelbild, das sich wie ein gotischer Klappaltar mit seinen beiden Seitenflügeln über dem Altar erhebt., erscheint gewissermaßen als „Krone des Lebens“ das himmlische Jerusalem mit seinen zwölf  Perlentoren darüber, während darunter nach alter Tradition das eindrucksvolle Bild des letzten Abendmahls erscheint.

Der Altarraum selbst ist nur in schlichtem weißen Marmor gehalten, abgesetzt mit schwarzem Schiefer. Auf solchem Untergrunde steht wuchtig der Altar, die Kanzel und die Taufe aus dunklem Muschelkalkstein. Auf dem Altar ein bronzener Kruzifixus. Während früher im Mittelalter die Kreuzesschenkel mit Ornamenten verziert erschienen, hat hier der Künstler in die Enden des Kreuzes jeweils einzelne Szenen aus der Auferstehung Jesu hineingearbeitet. Sinnvoll wollte er damit andeuten, dass für unseren Glauben immer der gekreuzigte mit dem auferstandenen Christus zusammengehört.

Wir sind dankbar, dass infolge der Entfernung des Hamburger Architekturbüros Kirchenbaurat a. D. Gerlach als leitender Lübecker Architekt den Bau leitete, die Zusammenarbeit der Handwerker abstimmte, auch mit Sorgfalt auf die kleinen Dinge achthatte und den Bau – was keine Selbstverständlichkeit ist – in vorbildlicher Zusammenarbeit mit den beteiligten Handwerksmeistern termingemäß beenden konnte. Besonders letztere haben  haben mit großem innerem Verständnis für die Belange unserer Kirchengemeinde und ihrer Glieder sich aufopfernd zur Verfügung gestellt. Wer zudem Sinn für Einzelheiten in unserer Kirche hat, wird mit besonderer Freude die Kapitäle an den Säulen anschauen, die der Steinmetzmeister, der auch für die Restaurierung in St. Marien mit verantwortlich ist, wieder herausgearbeitet hat. Behutsam hat auch der Maurerpolier die Stücke des alten Altars, der zuerst nach St. Petri gekommen ist, erhalten.

Seit Weihnachten ist unsere Gemeinde wieder in der Kirche, während wir in den Monaten vorher unsere Gottesdienste im Gemeindesaal halten mussten – oft in drangvoller Enge. Unsere Gemeinde hat von da an immer wieder Stück um Stück der weiteren Erneuerung miterlebt. Der größte Bauschmutz ist nunmehr beseitigt. Sie freut sich darum zusammen mit der Kirche in unserer Stadt, mit dem Bischof, der Kirchenleitung und Synode, besonders mit den Tochtergemeinden, aber auch zusammen mit den Handwerksmeistern und Bauwerkern die Wiedereinweihung unseres Altarraumes am Sonntag, 10. Februar, um 19.30 Uhr feiern können.

 

 

 

Wissenswertes über den Charakter der restaurierten Orgel von St. Gertrud

Die Orgel der St. Gertrudkirche stammt aus dem Jahre 1910 und wurde als Opus 1537 von meinem Großvater Oskar Walcker gebaut. Die äußere Gestaltung wurde in Zusammenarbeit mit den Architekten entsprechend dem Stil der Kirche gestaltet.

 

Die Traktur, also die Verbindung vom Spieltisch zu den Pfeifen, war pneumatisch, d.h., im Spieltisch wurde durch Öffnen eines Ventiles ein Lufstrom zur Windlade, auf der die Pfeifen stehen, durch Röhrchen geblasen, die dann wiederum an der Windlade eine entsprechende Funktion auslösten, damit die Pfeifen erklingen konnten.

 

Die klangliche Zusammenstellung entsprach der damaligen musikalischen Auffassung. Wir sagen heute, es ist eine romantische Orgeldisposition.

 

In der pneumatischen Traktur befinden sich viele Lederteilchen, Bälge und Membranen, die im laufe der Zeit brüchig geworden sind und nicht mehr einwandfrei funktionierten.

 

Bereits im Jahre 1977 wurde festgestellt, dass das Instrument nicht mehr einwandfrei funktioniert, und dass in absehbarer Zeit eine Generalreparatur aus technischer Sicht notwendig werden würde.

 

Nach langwierigen Verhandlungen reifte der Plan, die Orgel von der pneumatischen Traktur auf elektrische Traktur umzustellen. Durch diese Möglichkeit konnte der Spieltisch fahrbar werden und einen günstigeren Platz bekommen, als dies beim pneumatischen Spieltisch der Fall war.

 

Außerdem wurde erwogen, wie die Orgel auch klanglich den heutigen Vorstellungen entsprechend umgestaltet werden kann.

 

Die diesbezüglichen Verhandlungen waren sehr weitreichend. Insbesondere Herr Kirchenmusikdirektor Dressel in Preetz hat sich in intensiver Weise mit dieser Frage beschäftigt. Zum Schluß dieser Überlegungen ging man davon aus, dass einmal das Klangwerk von 1910 vollständig und unberührt erhalten wird und dass auf der anderen Seite die Möglichkeit der elektrischen Traktur in Verbindung mit einer Auxiliaire-Windlade in einer Weise erweitert wird, dass 5 Register darauf untergebracht werden, wobei 4 Register >Oktave 2’, Sesquialtera 2²/³’ und 1 3/5’, Quinte, Mixtur 4 fach, Scharff 4 fach< beliebig auf jedem Manual und im Pedal gezogen werden können, wobei das Pedal 4’ noch zusätzlich einen Choralbaß 4’ bekam.

 

Damit wurde gewährleistet, dass die entsprechenden hellen Register und die Mixturen beliebig gezogen werden können, und dass eine reichhaltige Möglichkeit an Registermischungen in Verbindung mit dem alten Werk möglich wurden.

 

Die nachfolgende Gegenüberstellung zeigt sehr deutlich, in welchem musikalischen Umfang die Orgel erweitert wurde.

 

Die Arbeiten in der Kirche wurden von den Orgelbauern, Herrn Klusmann, Herrn Klatte, Herrn Lorenzen und Michael Walcker-Mayer in 4 monatiger Arbeitszeit durchgeführt.

 

 

Ich hoffe, dass durch die sehr durchdachte Lösung ein weg gefunden wurde, das alte Klangwerk zu erhalten und trotzdem neue Möglichkeiten mit dem Auxiliaire zu erschließen. Ich hoffe weiterhin, dass die Orgel in ihrer jetzigen Gestaltung viele Jahre zum Lobe Gottes und zur Freude der Gemeinde erklingen möge.

Dr. phil. h.c. W. Walcker-Mayer, Orgelbaumeister

 

 

 

 

 

 

 

In den Anfängen stand St. Gertrud noch allein auf weiter Flur
Baustelle ca. 5 Monate vor Fertigstellung
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© Erik Asmussen