Die historische Walcker-Orgel von 1910

 

Auszug aus der Festschrift zur Wiedereinweihung der Orgel

 

Liebe Gemeinde und Freunde von St. Gertrud!

Mit der Restaurierung und Repneumatisierung unserer historischen

Walcker-Orgel von 1910 sind wir vor Jahren, nach intensivem Beratungs- und Entscheidungsprozess, ein sehr ehrgeiziges Ziel angegangen, das nun tatsächlich erreicht worden ist. Da unser historischer Spieltisch noch vorhanden war, ebenso wie das Pfeifenmaterial, dürfen wir uns nun an einem  herausragenden Instrument erfreuen. Ein herzlicher Dank geht nochmals an die zahlreichen Spenderinnen und Spender, mehr als 35.000 Euro sind so im Laufe der Zeit von Privatpersonen beigesteuert worden. Wir danken auch den Stiftungen, die durch ihre Unterstützung das Projekt maßgeblich voran gebracht haben. Als da wären: Emil-Possehl-Stiftung, Sparkassenstiftung, Friedrich Bluhme und Else Jebsen-Stiftung, Engelbert und Hertha Albers-Stiftung, Dräger-Stiftung, Stiftung Orgelklang, Dr. Oscar Troplowitz-Stiftung. Auch dem Kirchenkreis gebührt Dank für seine Beteiligung. Am 26. Mai 2013 um 16 Uhr, haben wir die Orgel unter Mitwirkung der Kantorei im Rahmen eines Festgottesdienstes mit anschl. Konzert feierlich ihrer zukünftigen Bestimmung übergeben können. Es erschall eindrucksvoll das Lied: Nun danket alle Gott. Der Kirchengemeinderat ist  dankbar für die große Resonanz und den positiven Verlauf! Schon bei der offiziellen Abnahme am 24.  Mai  waren die Sachverständigen sich einig und des Lobes voll: „es ist hervorragende Arbeit durch die Firma Mühleisen geleistet worden“, „fabelhaft!“, war da zu hören. Altbischof Karl Ludwig Kohlwage reihte unser Fest in seiner Predigt ein in das Gotteslob des 150. Psalms und Kirchenmusiker Peter Wolff unterstrich die Fähigkeiten des neuen alten Instruments mit einem furiosen Abschlußkonzert.

Der Kirchengemeinderat freut sich auf den zukünftigen Dienst der Orgel – Gott zur Ehre, der Gemeinde zur Unterstützung und Freude!

Es grüßt vielmals

Ihr Erik Asmussen, Pastor an St. Gertrud

 

 

 

 

 

Freude und Dankbarkeit

Ich freue ich mich und bin dankbar dafür, dass die Walcker-Orgel in St. Gertrud zu Lübeck nun grundlegend restauriert, erneuert und erweitert worden ist. Endlich kann die eigentliche Stärke der Orgel in den Vordergrund treten: ihre klangliche Seite, die

wir heute als romantischen Orgelklang bezeichnen, den wir als warm, rund und weich charakterisieren können.

Entsprechend der Jugendstilarchitektur der Kirche St. Gertrud, die ursprünglich farblich viel dunkler gehalten war und – so lassen es die alten Bilder nur erahnen – einen fast mystischen Charakter hatte, bevorzugte die romantische Orgelbaukunst die dunklen, tiefen Klänge, die in den vielen 16´ und besonders 8´ Registern zum Ausdruck kommen. Allein die 8´-Register machen über 50 Prozent des Registerbestandes aus. Besonders die romantischen Streicherstimmen haben mich in Begeisterung versetzt. Etwa die Register Viola da Gamba, Salizional, das Bassregister Violon oder auch die Streichermixtur Progressiv harmonique, die einen besonders weichen Glanz gibt. Die 8´ -Register ermöglichen ein fast stufenloses Crescendo. Dies kann für alle Organisten ein Quell der Inspiration in der wohlklingenden Akustik der St. Gertrud-Kirche sein.

Bedanken möchte ich mich bei der Orgelbaufirma Mühleisen in Leonberg für die professionelle Zusammenarbeit. Mein besonderer und herzlicher Dank gilt dabei den Orgelbauern

vor Ort: Peter Weimer, Bernd Teichmann, Wolfgang Braun und Eva-Maria Fritz, die durch ihren unermüdlichen Fleiß und ihre Kreativität entscheidend zum Gelingen des

Projektes beigetragen haben. Allein ihre Arbeitszeit hier in Lübeck hat mehr als ein halbes Jahr betragen. Besonders freue ich mich auch, auf der erneuerten Klaviatur die Register des Auxiliares

spielen zu dürfen. Diese Register sind von der Firma Mühleisen speziell für unsere Orgel konzipiert worden. Es sind die Soloregister Konzertflöte, Soloflöte und das Cor anglais (Englisch Horn). Außerdem wird der Prinzipalklang eine neue Klangkrone mit dem Prinzipal

2´ und der Mixtur 4-5-fach bekommen.

Der volle Orgelklang kommt nur durch das Konzert von über 2000 Pfeifen zustande. Entsprechend ist das Restaurierungsprojekt nur durch die Hilfe vieler möglich gewesen. Dafür möchte ich mich im Namen der ganzen St. Gertrud-Gemeinde ganz herzlich bei

allen Spendern und Spenderinnen und Stiftungen bedanken und hoffe, dass es mir möglich ist, einen Beitrag zu leisten, die materiellen Gaben durch die ideellen und geistigen Möglichkeiten der Musik zurückgeben zu können.

Peter Wolff

Kirchenmusiker des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg

Für die Kirchengemeinden Auferstehung, St. Gertrud und St. Philippus

 

 

Nun danket alle Gott, mit Herzen Mund und Händen! Man kann die Entscheidung der Kirchengemeinde St. Gertrud für die Repneumatisierung der Trakturen ihrer Walckerorgel von 1910 wohl als mutig, ja unter gewissen Voraussetzungen als richtungsweisend für den Umgang mit derartigen Instrumenten aus dieser Orgelepoche benennen. Eine richtungsweisende Entscheidung, die sicherlich auch durch die günstigen Umstände der noch original erhaltenen Orgelsubstanz  zustande kam. Und in diesem Zusammenhang ist neben den Windladen und dem Orgelprospekt  zuvorderst das von seiner handwerklichen Fertigung als auch von seinen klanglichen und musikalischen Qualitäten hervorragende Pfeifenwerk zu nennen. Qualitäten, die neben den revolutionären Erfindungen in der Orgeltechnik  zu dem Weltruf von Walcker zu dieser Zeit Maßgebliches beigetragen haben. Auch dass der originale pneumatische Spieltisch noch vorhanden ist, ist ein Glücksfall.  Dieser wurde 1980 bei der Elektrifizierung der Ton- und Registertraktur vermutlich aus Gründen der Pietät gegenüber dem Alten aufbewahrt. Dass nun unsere Werkstätte mit der Restaurierung der Orgel, der Rekonstruktion der pneumatischen Trakturen und dem Neubau eines Auxillèrewerkes von der Kirchengemeinde im Juni vergangenen Jahres beauftragt wurde, freute uns. Nach über hundert Jahren waren damit in St. Gertrud wiederum Orgelbauer aus Württemberg am Werk. Zugleichwaren wir uns unserer Verantwortung bewusst, die mit einer so weitreichenden Aufgabe verbunden ist. Infolge kamen der originale Spieltisch einschließlich der Prospekt- und Zusatzwindladen, die Windladenvorgelege und weitere 1980 durch elektrische Elemente ersetzte Bauteile der Ton- und Registeransteuerung in unsere Werkstätte. Hier wurde dann der Spieltisch komplett zerlegt und in wochenlanger diffiziler Handarbeit abgängige Pneumatikeinheiten nach vorhandener Spurenlage erneuert, die ursprüngliche Ästhetik des Äußeren wieder hergestellt und an die 125 sogenannte Keilbälgchen erneuert. Diese Keilbälgchen bilden auch ein wesentliches Element der Tonsteuerung in der Spieltisch von 1910 mit Bleirohren die kleinsten Pfeifen der Mixtur Uhr zur Walzensnzeige Orgel. Über 700 Bälgchen wurden dafür neu angefertigt. Davon waren etwa 235 die so genannten Hängebälgchen, die zwar noch vorhanden, aber zum großen Teil wegen des Wasserschadens in der Orgel ersetzt werden mussten. Im Prinzip sind diese Keilbälgchen lederbezogene Blasebälge im Streichholzschachtelformat, die über dünne Bleirohre vom Spieltisch mit Wind aufgeblasen werden und damit ein Ventil öffnen, wodurch wiederum ein zweites und drittes Bälgchen betätigt wird. Das dritte ist dabei dieses schon erwähnte Hängebälgchen, das sich im Innern der Windlade bzw. der Registerkanzelle befindet. (Von daher der Begriff Hängebälgchen-Windlade). Wird eine Taste gedrückt und ist ein Register geschaltet, ermöglicht dann das Hängebälgchendie gezielte Luftzufuhr zu jeder einzelnen der insgesamt 1758 Originalpfeifen.  Eine wahre Sisyphosarbeit bedeutete – wieder in St. Gertrud angekommen – die Neuinstallation der schon erwähnten windführenden Bleirohre vom Spieltisch bis zu den den Windladen vorgeschalteten Windladenstationen. Von diesen Bleirohren wurden respektable 1700 Meter benötigt; das entspricht einem Gewicht von ca. einer halben Tonne an Blei. Und in Verbindung mit dieser neuen Verrohrung wurde der Spieltisch entgegen dem originalen Standort für eine bessere Hörbarkeit des Klanges durch den Orgelspieler nach vorne zu Emporenbrüstung gerückt, mit Blick des Orgelspielers ins Kirchenschiff. Bei der ganzen aufgezeigten Komplexität der Pneumatik - wo immer auch ein Laie (mitunter auch der Fachmann) im Orgelinnern hinblickt - an allen Ecken und Enden führen Rohre zu irgendwelchen kompliziert aussehenden Apparaturen - zeigte sich, dass das Hängebälgchensystem der Windladen die eigentliche „Crux“ unserer Arbeit war. Von Walcker wurde sie als die „Primaballerina“ in der großen Familie der pneumatischen Windladensysteme benannt. Und die einer Primaballerina pauschalisierend nachgesagten Wesenszüge treffen für dieses System auch durchaus zu: präzise und überaus elegant für die Tonansprache romantisch geprägter Orgelstimmen und zugleich hyperempfindlich reagierend auf die geringsten Störungen innerhalb des Systems, was sich dann überwiegend in Heulern (ungewollte Dauertöne) oder in Schweigern manifestiert. Auch wurde dieses System von Walcker neben anderem, betreffend der Zugängigkeit der einzelnen Baugruppen, nicht zu Ende entwickelt. Vor diesem Hintergrund trifft der Restauratorenspruch „Die Nase im Staub und in den Augen den Glanz der Geschichte“ bei den Orgelbauern bei dieser Aufgabe nicht immer und in jedem Falle zu. Zumindest nicht, was den Glanz ihrer Augen betraf, der sich wohl auch bei den drangvoll angeordneten Aggregaten in dem historischen Spieltisch in Grenzen hielt. Erschwerend kam hinzu, dass die Schwellwerkswindlade durch einen Wasserschaden einiges an Unbill erlitt. Dass nun an den Windladen alles seine Ordnung hat, alles funktioniert, dafür war neben fachlichem Wissen auch ein großes Maß an Geduld erforderlich. Das neue Auxillièrewerk verfügt über sechs Register, von denen fünf wahlweise auf dem ersten oder zweiten Manual anspielbar sind. Für das Pedal steht eine Oktave 4’ zur Verfügung und zusätzlich ist das Zungenregister Cor anglais aus dem Manualwerk über eine Transmission auch im Pedal in der 8’- sowie in der 4’-Lage spielbar. Das Auxillière ist mit einer funktionssicheren pneumatischen Taschenlade versehen (gegenüber den Hängebälgchen ist dies ein wahrer Segen) und am Standort des abgängigen Auxillières von 1980 aufgestellt. Die Traktur erfolgt vom Spieltisch bis zu einer Schnittstelle in der Orgel pneumatisch und von dort zur Windlade elektrisch. Diese elektrische Teiltraktur kann, puristisch gesehen, bei der nahezu auf den Originalzustand zurückgeführten Orgel als Fremdkörper angesehen werden. Gleichwohl war diese im Hinblick auf die Spielbarkeit der Auxillière-Register auf dem gesamten Manualwerk unumgänglich. Am Rande: Walcker und seine Zeitgenossen haben um 1910 Instrumente in der Größenordnung von St. Gertrud schon durchaus mit elektrischen Trakturen versehen. Des weiteren ist die hohe Störanfälligkeit der alten elektrischen Anlage von 1980 bei der neuen Elektrik mit Sicherheit auszuschließen. Die Klangcharakteristik des Auxillières steht nun im Kontext zu der Klangcharakteristik des Registerbestands von 1910. D. h. Absicht war, keine Änderung der sowohl historisch als auch gerade aus heutiger Sicht musikalisch bedeutsamen Klangsubstanz herbeizuführen. Absicht war vielmehr, die Möglichkeiten dieser Klangsubstanz in behutsamer Weise aufzuhellen und die bestehenden Solostimmen zu ergänzen. Dann zur Windanlage: Deren originaler großvolumiger Magazinbalg wurde 1980 durch einen im Prinzip ausreichend funktionierenden, aber der Instrumentenästhetik unangemessenen modernen Schwimmerbalg ersetzt.

Es bleibt wohl vermutlich einer zukünftigen Generation überlassen, den alten Balg zu rekonstruieren. Weiter erhielten die aus Zink gefertigten Prospektpfeifen mit einer neuen Lackierung ihre ursprüngliche Optik zurück, die Pfeifen und alle sonstigen Orgelteile wurden gründlich vom Kirchenstaub und Schimmelpilz befreit, notwendige Reparaturen an denselben durchgeführt und zu guter Letzt eine jede einzelne Pfeife hin auf ihre Lautstärke und ihr Ansprechverhalten überprüft.

Zu Ende ging damit eine langwährende und arbeitsintensive Zeit, die wir Orgelbauer in unserer Werkstätte und in St. Gertrud mit dem Instrument verbrachten. Auch eine Zeit voller wertvoller Erfahrungen, eben ein tiefes Eintauchen in die Gesetzmäßigkeiten und Geheimnisse der pneumatischen Walcker-Orgel an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Bei den Arbeiten in der Orgel fanden sich noch in Fragmenten erhaltene Zeitungsblätter des Lübecker Volksboten und der Württemberger Zeitung aus der Bauzeit der Orgel.  Berichtet wird darin über spezielle Probleme des Zeppelins und über hitzige Reichstagsdebatten. Beide Berichte, damals sicherlich hochaktuell und heute längst vergangene Geschichte, dem entgegen hat die Orgel in St. Gertrud auch nach über hundert Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. Dass ihr Dienst in der Kirchenmusik auch zukünftig fester Bestandteil der reichen Orgelhistorie Lübecks sein wird, das wünsche ich der Kirchengemeinde St. Gertrud.

Für das Vertrauen, das alle an dem Projekt  verantwortlich beteiligten Personen unserer Arbeit entgegenbrachten und für die stets gute Zusammenarbeit mit ihnen bedanken wir uns ganz herzlich.

Konrad Mühleisen

Orgelbaumeister

 

 

Orgelsanierung

Die Orgel hinter einer Staubwand während der Kirchensanierung verwschwunden. Sie konnte trotzdem gespielt werden, denn der elektronische Spieltisch von 1980 stand vor der Staubwand und der Schall kümmerte sich wenig um die Plastokfolie.

Mit vereinten Kräften schafften es beide Spieltische, der neue und der historische, hinunter in den Transporter.

Mühevolle Kleinarbeit war nötig, um das ehrgeizige Ziel erreichen zu können

Das Innenleben des restaurierten alten Spieltisches von 1910

Vorderansicht des restaurierten Spieltisches

Kirchenmusiker Peter Wolff an seiner neuen Wirkungsstätte in St. Gertrud

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© Erik Asmussen